Journalisten - Die Günstlinge der EU oder: Warum es fast nur Hofberichterstattung über die EU gibt

Diethelm Raff, Zürich, 11.12.2000

Am Treffen der Regierungschefs in Nizza beteiligten sich 3000 Journalisten. Als Ankunftsgeschenk erhielten sie eine Tasche für die Akten, einen Regenschirm, bestes Olivenöl sowie eine Kleidertasche. In einem Restaurant wurden sie zwei Mal am Tag gratis mit einem Schlemmerbüffet verwöhnt, zu dem auch Wein und Bier ausgeschenkt wurden. 5 Tage lang konnten sie gratis in die ganze Welt telefonieren. Es standen ihnen Busse und Taxis zur Verfügung. So werden die Journalisten korrumpiert, werden meistens zu einem Teil der offen zur Schau getragenen Grossmacht.

Bürger bezahlen für den Hofstaat

Das kostet Millionen. Der Steuerzahler bezahlt diese Journalistenkorruption und muss sich dann von diesen gekauften Vasallen „informieren“ lassen. Für den Hofstaat nach Versailler Vorbild wurde dafür ein ganzes Stadtviertel und rund 2 Kilometer einer der Hauptverkehrsachsen für Passanten und Autos abgesperrt. Hunderte von kleinen Gewerbetreibenden mussten 5 Tage lang auf ihre Einnahmen in ihren Läden und Restaurants verzichten, ohne auch nur einen einzigen Franc zu erhalten. Die Journalisten durften sich als Privilegierte betrachten, die die Polizeikontrollen am Eingang zum heiligen Bezirk passieren durften. Sie fühlten sich mehrheitlich auch als Günstlinge der Macht und führten sich so auf.

Hierarchie der Journalisten

Die Journalisten waren in 5 Kategorien unterteilt. Die kleine Oberschicht der ersten 4 Kategorien erhielt das Vorrecht, sich beim Eintreffen der „absolutistischen Könige“ in deren Karossen, bei den Begrüssungsreden, beim Gruppenphoto oder beim Händeschütteln in ihrer Nähe aufzuhalten oder zu fotografieren. Wohlverhalten beim Schreiben und im Umgang mit den Machtbesessenen wird so belohnt.

Diese bevorrechtigten Journalisten erhielten ab und zu spezielle Informationen aus den Geheimtreffen, die von den spin doctors für die Öffentlichkeit präpariert worden sind. Alle anderen Journalisten aus den unterschiedlichsten Medien sind darauf angewiesen, von diesen privilegierten Kollegen ein paar Informationen zu erhalten. Sie müssen also bei diesen dienern, sich in deren Nähe aufhalten, denn immerhin sollen sie ja täglich von einem Treffen in ihrem Medium berichten, an dem sie gar nicht wirklich beteiligt sind. In Tat und Wahrheit beschäftigt man die Journalisten den ganzen Tag mit der Befürchtung, irgendeine der spärlichen Informationen zu verpassen.

Zentrierung auf die Machtverteilung am Hof

Darüberhinaus eröffnete man für die Journalisten eine Spielwiese. Sie durften die ganzen Tage hindurch versuchen herauszufinden, welches Land wohl wieviel Einfluss geltend machen kann, unter anderem für das zukünftige Gewicht in den verschiedenen Gremien. Geschickt appellierte man dabei an die nationalen Gefühle, so dass die Journalisten grossteils mit „ihrem“ Vertreter mitfieberten und ihr „Geschick“ darin setzten, von den Hofschranzen eine Aussage zum derzeitigen Stand dieser Verhandlungen zu entlocken. Das heisst, sich mit Block, Stift oder Mikrofon aufgeregt um diese arroganten Günstlinge zu drängen, die manchmal unangekündigt in den Journalistensaal kamen, um ein paar sibyllinische Worte von sich zu geben. Wie gut die Ausrichtung auf diese Machtverteilung innerhalb der absolutistischen Aristokraten funktionierte, zeigte sich in der letzten Nacht als die Journalisten über Stunden unruhig auf die Ergebnisse warteten und jedesmal zu Hunderten auf ein einziges Papier losstürzten, das von einem Emissär in den Journalistensaal gereicht wurde. Die Journalisten, oft aus Mangel an Bildung auch unfähig zur genauen Analyse, lasen in dieser Stimmung ganz selten die äusserst wichtigen Texte, die im Stakkato verabschiedet wurden, - auch wenn sie auf Papier oder im Internet zur Verfügung standen. Das führte dazu, dass fast kein Medium auf der Welt über die wichtigen Beschlüsse in Nizza berichtete, die einer absolutistischen Herrschaft dienlich sind (siehe nebenstehender Artikel).

Liebedienerei statt kritischer Fragen

An den Pressekonferenzen stellt in seltensten Fällen jemand kritische Fragen. Als dies einmal vorkam, fragte der Pressesprecher der Europäischen Kommission sofort, ob der Frager wirklich ein Journalist sei. Insbesondere bei den deutschen Pressekonferenzen wurde das Liebedienern und der Gehorsamsgeist ganz offen zur Schau getragen: Befürchteten die meisten doch, dass sie sich am Königshof der Regierungschefs unbeliebt machen und dann die in der Zukunft erhoffte Exklusivinformation nicht erhalten, die für einen Knüller nötig sind, mit dem der Journalist sich bekannt machen kann. Mit kritischen Fragen befürchtet er auch, sich unter der EU-Anhängergemeinde unter den Journalisten auszuschliessen und so sozial isoliert zu werden. Die Journalisten kokettieren in dieser künstlichen, abgeschirmten Welt untereinander damit, mit welchem dieser Herrscher sie schon einmal sprechen konnten und ob sie bei diesem beliebt sind. Die Unterwürfigkeit geht so weit, dass keiner auf die Idee kommt, diese unwürdige Behandlung von Bürgern in einer Demokratie einzuklagen. Dabei ist es doch auch ausserhalb der Schweiz seit Jahrzehnten Pflicht, bei jeder Entscheidung über Gesetze Öffentlichkeit zu gewährleisten. Das wäre in Nizza umso selbstverständlicher gewesen, wenn es um demokratische Abläufe gegangen wäre: Hat man doch eine Grundrechtecharta als Vorläufer einer Verfassung verabschiedet und den EU-Vertrag massiv verändert. Kritische Fragen wie die nach Öffentlichkeit und Gewaltenteilung in der EU werden sogar im Stil von Heinrich Manns Untertan mit Unmutsäusserungen quittiert. Bevorzugt waren Fragen nach der Länge der Konferenz, nach dem Gefühlszustand der Gipfelteilnehmer und der momentanen Hartnäckigkeit einzelner Ländervertreter.

Ideologische Übereinstimmung führt zur Denklähmung

Die derzeitigen Führer der EU kommen fast durchgehend vom autoritären Flügel der 68er Bewegung. Sie verfolgen eine Rätediktatur und sehen ihr Wirken zum grossen Teil immer noch als eine Möglichkeit durch systemüberwindende Reformen oder der Ausnutzung demokratischer Möglichkeiten, einen autoritären Staat aufzubauen. Durch die mangelnde Aufklärung in den Schulen über die Bedeutung der Demokratie und deren Unterscheidung zur Diktatur und mangelhafter Kenntnisse der marxistischen Ideologie und deren Strategie- und Taktikdebatten, können viele die Vorgänge schwer einordnen. Die Herrscher gelten als die fortschrittlichen und lähmen in der Journalistengemeinde und vielen anderen die Kritikfähigkeit. Einerseits weil ihr autoritäres Verhalten durch  Jovialität verdeckt wird. Andererseits weil bei vielen - auch Intellektuellen - echtes kritisches Denken ersetzt ist durch die repressive Toleranz Marcuses: Eine Meinung wird nicht argumentativ durchleuchtet, sondern auf ihre Übereinstimmung mit der vorgegebenen zulässigen Bandbreite überprüft. Diese gleichgesinnte Haltung verbindet dann die Journalisten mit den Herrschenden, auch weil sie von den Herrschenden die zulässige Bandbreite erfahren. Diese repressive Toleranz ist durch Schule, Ausbildung und Medien so selbstverständlich, dass sie durch genaue Aufklärung erst bewusst gemacht werden muss und kann. Ausser den ideologischen Scharfmachern gehen selbst die Journalisten gerne darauf ein, wenn ihnen die Augen geöffnet werden.

Gleichschaltung der Berichterstattung

Für ihre Berichterstattung laden dann die Journalisten die 2 oder 3 genau ausgewählten Fotos vom Internet herunter, die den Hofstaat beim Händeschütteln zeigen und bringen in der ganzen Welt die immergleiche Botschaft, die mit Fotos vermittelt wird, nämlich dass ein wichtiges Treffen mit bedeutenden Politikern stattgefunden hat. Wegen der geringen Information langweilt sich der Leser, weil er nicht mitdenken kann, spekuliert höchstens über die zukünftige Machtverteilung am Hof mit und ärgert sich mit der Berichterstattung höchstens darüber, dass die Regierungschefs nicht schneller vorangekommen sind. Er hat aber nirgends gehört, dass es darum ging, wie schnell die Souveränität der Staaten ganz aufgegeben wird.

Muss es einen wundern, dass bei dieser Korruption, der Hierarchie, dem Mangel an echter Information, die Medien so gleichförmig im Sinne des modernen, rätedikatotorischen Hofstaates berichten?