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Dies ist der Blog von Diethelm Raff

Kritische Fragen an den Nizza-Pressekonferenzen und Antworten der Herrschenden

Diethelm Raff, Nizza, 10.12.2000 

Ihr Landsmann Montesquieu, einer der Begründer der modernen demokratischen Denkens, hat vor etwa 200 Jahren deutlich gemacht, was zu einer Demokratie unbedingt gehören muss: Die Trennung der Gewalten in Exekutive, Legislative und Judikative. Wenn dies nicht der Fall ist, handelt es sich um eine Despotie. Hier in Nizza sitzen Vertreter der Exekutive zusammen und üben legislative Funktionen aus. Die Parlamente der Staaten, die Legislativen, müssen diese Vorgaben ihrer eigenen Exekutiven einfach nachvollziehen. Sie, meine Herren, sind deshalb laut Montesquieu Despoten, die sich hier in Nizza treffen. Haben Sie sich schon einmal überlegt, mit diesem Despotentum aufzuhören und die Menschen wieder zu wirklichen Bürgern zu machen, die über sich selbst bestimmen dürfen?

Lionel Jospin: Ich glaube kaum, dass Montesquieu sich vorstellen konnte, dass es einmal eine EU mit diesem speziellen Charakter geben wird. Es ist so, dass es nicht nur direktdemokratische Länder gibt. Meistens ist das Volk durch Repräsentanten des Volkes vertreten. Herr Chirac und ich sind auch solche Repräsentanten. Die EU ist eine ganz spezielle Konstruktion und es ist wahr, Sie haben nicht unrecht, gibt es eine gewisse Verschachtelung der Gewalten, die bewirkt, dass die Theorie der klaren Trennung der Gewalten gemäss Montesquieu bei der EU vielleicht nicht sein bestes Beispiel findet. . Daraus werden wir zweifellos vielleicht Überlegungen machen müssen, um die Gewalten ein bisschen besser zu trennen. Aber wir Franzosen sind bekannt dafür, dass wir rational denken und ich habe den Vorzug des Pragmatismus kennengelernt. gerade in der Europäischen Union im Kontakt vielleicht mit den Engländern

Lassen Sie uns pragmatisch bleiben. Also, es gibt eine Konstruktion, sie ist so, wie sie ist, sie hat die Erlaubnis weiterzuexistieren, zweifellos muss man die Gewalten noch ein bisschen klarer trennen. Aber machen wir das doch auch mit ein bisschen Pragmatismus und zerstören wir deshalb doch nicht einfach eine so originelle Konstruktion. Vielleicht meinen Sie ja, dass ich Ihre Frage nicht richtig verstanden habe?

Feststellung: Wer öffentlich bekennt, dass er eine Despotie der Demokratie vorzieht, indem er sie einfach originell nennt, darf in einer Demokratie keine Regierungsamt innehaben. Eine australische Journalistin fragte verzweifelt: „Ist die Freiheit in Europa schon verschwunden? Nach einer solchen Aussage eines Regierungschefs in Australien würde dieser sofort zurücktreten müssen. Es wäre die Schlagzeile in allen Zeitungen. Hier merken die Journalisten nicht einmal, was Jospin überhaupt gesagt hat. Hoffentlich bleibt die Schweiz eine Insel der Freiheit in Europa.

Frage: Sie betreiben hier im Europäischen Rat Kabinettspolitik wie zu Zeiten Metternichs vor 200 Jahren. Es gibt keine Öffentlichkeit, wie es für die Kontrolle jeder demokratischen Regierung nötig wäre. Wann können die Bürger endlich sehen, was wer warum beschliesst?

Michael Steiner: Es handelt sich hier um die Exekutive, die überall geheim tagt. Auch wenn die Exekutive hier Gesetze beschliesst, also auch Legislative ist, ist es doch für alle besser, wenn man effizient arbeiten kann. Das geht natürlich nur, wenn man hinter verschlossenen Türen tagt. Sonst würden sie sowieso nur Fensterreden hören, wie es überall in den Parlamenten üblich ist. Das hilft keinem.

Vedrine: „Was haben Sie nur. Wir sind doch demokratisch gewählte Regierungen. Wir sind doch vom Volk gewählt. Das erstaunt mich jetzt, dass Sie meinen, wir müssten unsere Verhandlungen öffentlich führen.“ Wollen Sie eigentlich überall wie ein Mäuschen dabeisitzen. Die brauchen keine Angst haben. Wir erzählen Ihnen schon alles Wichtige. Dafür können Sie auch wieder früher nach Hause fahren, weil wir dann schneller vorankommen.

Michael Steiner, Kanzlerberater von Gerhard Schröder, erklärte an einer Pressekonferenz in Nizza am 9. Dezember 2000: Wenn Sie sich als Journalisten darüber beklagen, dass Sie hier wie winselnde Hunde behandelt werden, die einen Knochen hingeworfen bekommen, an dem Sie sich die Zähne ausbeissen können und nicht an den Verhandlungen teilnehmen können wie in jedem gesetzgebenden demokratischen Parlament, so möchte ich Ihnen folgendes sagen: Wir sind auch nur Knechte und sogar die Regierungschefs sind Knechte, die darauf warten müssen, bis die Resultate der Verhandlungen bekannt gegeben werden.“

Frage: Wer sind dann die eigentlichen Herren?

Feststellung: Die Regierungschefs müssen vor dem Souverän für die Entwicklung der demokratischen Nationalstaaten zu einem diktatorischen Gebilde geradestehen und können ihre Verantwortung an keine anonyme Macht abgeben.

Frage: Ich habe mit verschiedenen Menschen aus Afrika und Asien gesprochen. Die haben mich auf einen wichtigen Punkt der derzeitigen Konferenz hingewiesen: Die alten Kolonialländer schliessen sich zusammen und erklären den ehemaligen kolonisierten Länder, dass sie zu deren Befriedung militärisches Konfliktmanagement betreiben. Haben Sie darüber diskutiert, dass das für diese Länder schon aus historischen Gründen eine Bedrohung darstellen muss und deshalb der Weltfrieden nicht sicherer sondern unsicherer wird?

Jonathan Faull, Pressesprecher: Ihre Freunde verstehen das falsch. Die Länder in Afrika und Asien wissen schon, was wir mit den neuen Eingreiftruppen vorhaben und fühlen sich nicht bedroht.

Ungewöhnlich vehemente Kritik an der französischen Verhandlungsführung in Nizza

Diethelm Raff, Nizza 11.12.2000

Die Vorgehensweise der französischen Präsidentschaft am Gipfel von Nizza ist zum Teil unter heftigen Beschuss geraten. In Frage gestellt wird grundsätzlich, ob die Ministerpräsidenten als Vertreter der Exekutive legislative Aufgaben übernehmen dürfen. Grundsätzlicher Zweifel kommt aber auch an der Geheimniskrämerei auf. Darf in einem Legislativverfahren in einer Demokratie überhaupt unter Ausschluss der Öffentlichkeit diskutiert werden? Darf die Begründung „bessere Effizienz“, die für ein Unternehmen sinnvoll ist, dazu führen, dass die demokratische Auseinandersetzung verkürzt oder gar ganz ausser Kraft gesetzt wird? Kann bei solch einer Vorgehensweise die EU überhaupt von den Bürgern als ihr eigenes Gebilde angesehen werden? Und was ist davon zu halten, wenn einzelne Vertreter des Volkes, die für sich in Anspruch nehmen, genauso wie alle anderen vom Volk gewählt worden zu sein, eine Vorrangstellung erhalten und einzeln mit anderen Vertretern des Volkes im sogenannten Beichtstuhlverfahren „reden“, also Druck ausüben?

Elmar Brok, Vertreter des Europaparlaments in den Vorverhandlungen für den Nizza-Gipfel, hält mit seiner grundsätzlichen Kritik nicht hinter dem Berg. Er erklärte gestern im Anschluss an eine Pressekonferenz dem WDR: „Der Verhandlungsstil hier entspricht ganz der Kabinettspolitik Metternichs. Der Kongress tanzt. Zwei Leute sitzen jeweils am Verhandlungstisch. Jeder hat 15 Zettelschreiber hinter sich. Das soll dann die Vertretung der europäischen Bevölkerung sein. Wir brauchen  stattdessen offene Verhandlungen.“ Er widerspricht auch vehement dem aussen- und sicherheitspolitischen Sprecher der deutschen Regierung, Michael Steiner. Dieser behauptete nämlich, die Alternative zu solchen Geheimverhandlungen seien reine Fensterreden, wie sie im Parlament üblich seien und die zu keinen Ergebnissen führen würden. Diese Desavouierung des gesamten Parlamentarismus der letzten 150 Jahre erinnert stark an die Kritik der Monarchisten des vorletzten Jahrhunderts und der Nationalsozialisten und der Marxisten des letzten Jahrhunderts an der parlamentarischen Demokratie. Brok meint zu Steiners autoritärem Staatsmodell: „Das sagen alle Beamten seit Jesus Christus.“

Von staatsrechtlicher Seite her ist hinzuzufügen, dass die EU dieses Demokratiedefizit schnellstens lösen müsste, will sie nicht mit dieser Kabinettspolitik Metternichs vor 200 Jahren verglichen werden. An ihrem Willen bestehen allerdings grösste Zweifel. Die französischen und deutschen Regierungsvertreter auf dem Gipfel wenigstens behaupten einerseits steif und fest, sie seien die gewählten Volksvertreter und seien deshalb für legislative Aufgaben legitimiert – als ob sie nicht wüssten, dass sie als Regierung Gesetze ausführen und nicht Gesetze beschliessen dürfen. Andererseits behaupten sie wieder, sie würden hier in Nizza wie in einer Regierung Kabinettsbeschlüsse unter Ausschluss der Öffentlichkeit durchsetzen – was nichts anderes heisst, als dass sie sich als Exekutive definieren. Erstaunlich ist, dass sie sich dieses Widerspruchs nicht einmal bewusst zu sein scheinen - oder aber gerne darüber hinwegsehen.

Falls es eine europäische Öffentlichkeit überhaupt gibt, dann wäre es deren Aufgabe, darauf zu pochen, dass die Gewaltenteilung in der EU-Konstruktion klar gefasst wird.

Journalisten - Die Günstlinge der EU oder: Warum es fast nur Hofberichterstattung über die EU gibt

Diethelm Raff, Zürich, 11.12.2000

Am Treffen der Regierungschefs in Nizza beteiligten sich 3000 Journalisten. Als Ankunftsgeschenk erhielten sie eine Tasche für die Akten, einen Regenschirm, bestes Olivenöl sowie eine Kleidertasche. In einem Restaurant wurden sie zwei Mal am Tag gratis mit einem Schlemmerbüffet verwöhnt, zu dem auch Wein und Bier ausgeschenkt wurden. 5 Tage lang konnten sie gratis in die ganze Welt telefonieren. Es standen ihnen Busse und Taxis zur Verfügung. So werden die Journalisten korrumpiert, werden meistens zu einem Teil der offen zur Schau getragenen Grossmacht.

Bürger bezahlen für den Hofstaat

Das kostet Millionen. Der Steuerzahler bezahlt diese Journalistenkorruption und muss sich dann von diesen gekauften Vasallen „informieren“ lassen. Für den Hofstaat nach Versailler Vorbild wurde dafür ein ganzes Stadtviertel und rund 2 Kilometer einer der Hauptverkehrsachsen für Passanten und Autos abgesperrt. Hunderte von kleinen Gewerbetreibenden mussten 5 Tage lang auf ihre Einnahmen in ihren Läden und Restaurants verzichten, ohne auch nur einen einzigen Franc zu erhalten. Die Journalisten durften sich als Privilegierte betrachten, die die Polizeikontrollen am Eingang zum heiligen Bezirk passieren durften. Sie fühlten sich mehrheitlich auch als Günstlinge der Macht und führten sich so auf.

Hierarchie der Journalisten

Die Journalisten waren in 5 Kategorien unterteilt. Die kleine Oberschicht der ersten 4 Kategorien erhielt das Vorrecht, sich beim Eintreffen der „absolutistischen Könige“ in deren Karossen, bei den Begrüssungsreden, beim Gruppenphoto oder beim Händeschütteln in ihrer Nähe aufzuhalten oder zu fotografieren. Wohlverhalten beim Schreiben und im Umgang mit den Machtbesessenen wird so belohnt.

Diese bevorrechtigten Journalisten erhielten ab und zu spezielle Informationen aus den Geheimtreffen, die von den spin doctors für die Öffentlichkeit präpariert worden sind. Alle anderen Journalisten aus den unterschiedlichsten Medien sind darauf angewiesen, von diesen privilegierten Kollegen ein paar Informationen zu erhalten. Sie müssen also bei diesen dienern, sich in deren Nähe aufhalten, denn immerhin sollen sie ja täglich von einem Treffen in ihrem Medium berichten, an dem sie gar nicht wirklich beteiligt sind. In Tat und Wahrheit beschäftigt man die Journalisten den ganzen Tag mit der Befürchtung, irgendeine der spärlichen Informationen zu verpassen.

Zentrierung auf die Machtverteilung am Hof

Darüberhinaus eröffnete man für die Journalisten eine Spielwiese. Sie durften die ganzen Tage hindurch versuchen herauszufinden, welches Land wohl wieviel Einfluss geltend machen kann, unter anderem für das zukünftige Gewicht in den verschiedenen Gremien. Geschickt appellierte man dabei an die nationalen Gefühle, so dass die Journalisten grossteils mit „ihrem“ Vertreter mitfieberten und ihr „Geschick“ darin setzten, von den Hofschranzen eine Aussage zum derzeitigen Stand dieser Verhandlungen zu entlocken. Das heisst, sich mit Block, Stift oder Mikrofon aufgeregt um diese arroganten Günstlinge zu drängen, die manchmal unangekündigt in den Journalistensaal kamen, um ein paar sibyllinische Worte von sich zu geben. Wie gut die Ausrichtung auf diese Machtverteilung innerhalb der absolutistischen Aristokraten funktionierte, zeigte sich in der letzten Nacht als die Journalisten über Stunden unruhig auf die Ergebnisse warteten und jedesmal zu Hunderten auf ein einziges Papier losstürzten, das von einem Emissär in den Journalistensaal gereicht wurde. Die Journalisten, oft aus Mangel an Bildung auch unfähig zur genauen Analyse, lasen in dieser Stimmung ganz selten die äusserst wichtigen Texte, die im Stakkato verabschiedet wurden, - auch wenn sie auf Papier oder im Internet zur Verfügung standen. Das führte dazu, dass fast kein Medium auf der Welt über die wichtigen Beschlüsse in Nizza berichtete, die einer absolutistischen Herrschaft dienlich sind (siehe nebenstehender Artikel).

Liebedienerei statt kritischer Fragen

An den Pressekonferenzen stellt in seltensten Fällen jemand kritische Fragen. Als dies einmal vorkam, fragte der Pressesprecher der Europäischen Kommission sofort, ob der Frager wirklich ein Journalist sei. Insbesondere bei den deutschen Pressekonferenzen wurde das Liebedienern und der Gehorsamsgeist ganz offen zur Schau getragen: Befürchteten die meisten doch, dass sie sich am Königshof der Regierungschefs unbeliebt machen und dann die in der Zukunft erhoffte Exklusivinformation nicht erhalten, die für einen Knüller nötig sind, mit dem der Journalist sich bekannt machen kann. Mit kritischen Fragen befürchtet er auch, sich unter der EU-Anhängergemeinde unter den Journalisten auszuschliessen und so sozial isoliert zu werden. Die Journalisten kokettieren in dieser künstlichen, abgeschirmten Welt untereinander damit, mit welchem dieser Herrscher sie schon einmal sprechen konnten und ob sie bei diesem beliebt sind. Die Unterwürfigkeit geht so weit, dass keiner auf die Idee kommt, diese unwürdige Behandlung von Bürgern in einer Demokratie einzuklagen. Dabei ist es doch auch ausserhalb der Schweiz seit Jahrzehnten Pflicht, bei jeder Entscheidung über Gesetze Öffentlichkeit zu gewährleisten. Das wäre in Nizza umso selbstverständlicher gewesen, wenn es um demokratische Abläufe gegangen wäre: Hat man doch eine Grundrechtecharta als Vorläufer einer Verfassung verabschiedet und den EU-Vertrag massiv verändert. Kritische Fragen wie die nach Öffentlichkeit und Gewaltenteilung in der EU werden sogar im Stil von Heinrich Manns Untertan mit Unmutsäusserungen quittiert. Bevorzugt waren Fragen nach der Länge der Konferenz, nach dem Gefühlszustand der Gipfelteilnehmer und der momentanen Hartnäckigkeit einzelner Ländervertreter.

Ideologische Übereinstimmung führt zur Denklähmung

Die derzeitigen Führer der EU kommen fast durchgehend vom autoritären Flügel der 68er Bewegung. Sie verfolgen eine Rätediktatur und sehen ihr Wirken zum grossen Teil immer noch als eine Möglichkeit durch systemüberwindende Reformen oder der Ausnutzung demokratischer Möglichkeiten, einen autoritären Staat aufzubauen. Durch die mangelnde Aufklärung in den Schulen über die Bedeutung der Demokratie und deren Unterscheidung zur Diktatur und mangelhafter Kenntnisse der marxistischen Ideologie und deren Strategie- und Taktikdebatten, können viele die Vorgänge schwer einordnen. Die Herrscher gelten als die fortschrittlichen und lähmen in der Journalistengemeinde und vielen anderen die Kritikfähigkeit. Einerseits weil ihr autoritäres Verhalten durch  Jovialität verdeckt wird. Andererseits weil bei vielen - auch Intellektuellen - echtes kritisches Denken ersetzt ist durch die repressive Toleranz Marcuses: Eine Meinung wird nicht argumentativ durchleuchtet, sondern auf ihre Übereinstimmung mit der vorgegebenen zulässigen Bandbreite überprüft. Diese gleichgesinnte Haltung verbindet dann die Journalisten mit den Herrschenden, auch weil sie von den Herrschenden die zulässige Bandbreite erfahren. Diese repressive Toleranz ist durch Schule, Ausbildung und Medien so selbstverständlich, dass sie durch genaue Aufklärung erst bewusst gemacht werden muss und kann. Ausser den ideologischen Scharfmachern gehen selbst die Journalisten gerne darauf ein, wenn ihnen die Augen geöffnet werden.

Gleichschaltung der Berichterstattung

Für ihre Berichterstattung laden dann die Journalisten die 2 oder 3 genau ausgewählten Fotos vom Internet herunter, die den Hofstaat beim Händeschütteln zeigen und bringen in der ganzen Welt die immergleiche Botschaft, die mit Fotos vermittelt wird, nämlich dass ein wichtiges Treffen mit bedeutenden Politikern stattgefunden hat. Wegen der geringen Information langweilt sich der Leser, weil er nicht mitdenken kann, spekuliert höchstens über die zukünftige Machtverteilung am Hof mit und ärgert sich mit der Berichterstattung höchstens darüber, dass die Regierungschefs nicht schneller vorangekommen sind. Er hat aber nirgends gehört, dass es darum ging, wie schnell die Souveränität der Staaten ganz aufgegeben wird.

Muss es einen wundern, dass bei dieser Korruption, der Hierarchie, dem Mangel an echter Information, die Medien so gleichförmig im Sinne des modernen, rätedikatotorischen Hofstaates berichten?

Was in Nizza tatsächlich beschlossen wurde

Diethelm Raff, Zürich, 11. 12. 2000

Fast alle Zeitungen berichteten, die Vorhaben in Nizza seien gescheitert. In Tat und Wahrheit hat man mit einer Vielzahl von Beschlüssen für die anrollende EU-Despotie entscheidende Grundlagen geschaffen.

Abschaffung der Kontrolle durch jedes einzelne Land:

Neu können 8 Länder oder mehr ohne Zustimmung der anderen eine gemeinsame Politik vereinbaren (unter dem Titel „Verstärkte Zusammenarbeit“ Titel VII des EU-Vertrages). Ausgenommen davon sind auf Betreiben Englands vorläufig militärische Angelegenheiten (Klausel J), aber nur deshalb, weil England die angekündigten Angriffskriege nur mit der Nato zusammen führen will. Das bedeutet, dass die EU in Zukunft auf Bedenken einzelner Länder keine Rücksicht mehr nehmen muss. Dieses Land muss dann später einfach die Bestimmungen nachvollziehen, die andere vorgegeben haben. Gemäss den Wünschen von Deutschland und Frankreich gibt es jetzt eine Avantgarde wie bei den Leninisten, die den anderen ihren Willen aufzwingen kann. Der französische Präsident Chirac hat dementsprechend an der Abschlusspressekonferenz am frühen Morgen des 11. Dezember 2000 um 5.00 erklärt, dass sie damit ihr wichtigstes Ziel des Gipfels erreicht hätten. So können sie in Kauf nehmen, dass sie es noch nicht ganz geschafft haben, das Vetorecht eines einzelnen Staates ganz durch Mehrheitsentscheidungen zu ersetzen. Spätestens hier wird die Behauptung der EU-Beitrittsbefürworter absurd, die Schweiz könnte bei einem Beitritt überall mitreden.

Einschränkung der demokratischen Kontrolle durch die Länderparlamente

In den meisten Bereichen muss in Zukunft mit Mehrheitsentscheidung abgestimmt werden, was ursprünglich in der Europäischen Gemeinschaft die Ausnahme war. Ersetzt wird die Einstimmigkeit, die garantiert hat, dass jeder Staatschef von seinem Parlament den Auftrag erhalten konnte, sich gegen eine neue Verordnung, Richtlinie oder Entscheidung in der EU auszusprechen. Auf diese Art und Weise wäre wenigstens eine kleine Möglichkeit bestehen geblieben, dass der Wille des Volkes über das nationale Parlament durchgesetzt werden konnte. Da die Regierungschefs aber geheim tagen, kann das nationale Parlament jetzt nicht mehr kontrollieren, ob der Auftrag ausgeführt worden ist. Die EU stellt sich damit immer deutlicher ausserhalb der europäischen aufgeklärten Tradition, die festlegt, dass die Souveränität beim Staatsvolk liegt.

Attacke auf unbotmässige Länder

Mit dem veränderten Artikel 7 des EU-Vertrages können 12 von 15 Staatschefs behaupten, es bestünde in einem anderen Land eine Gefahr für die Verletzung von Freiheit, Demokratie, Menschenrechten, Grundfreiheiten oder Rechtsstaatlichkeit. Gegebenenfalls bestimmen sie einige demokratisch nichtlegitimierte Personen, die diese Behauptung untersuchen sollen. Mit dieser Bestimmung, dass bereits eine Gefahr einer Unrechtshandlung geahndet werden kann, stellt sich in Wirklichkeit die EU ausserhalb der Rechtsstaatlichkeit, weil selbst im Strafrecht nur eine widerrechtliche Handlung geahndet werden darf. Ausserdem müsste die Untersuchung nach europäischem aufgeklärtem Denken durch ein unabhängiges Gericht geschehen, das aufgrund ausgearbeiteter Rechtsgrundsätze urteilt. Mit diesem Artikel ist der Willkür Tür und Tor geöffnet, unbotmässige Länder unter Druck zu setzen. Auch hier wird das Prinzip der Selbstbestimmung der Länder aufgehoben, wie sie im Völkerrecht als Teil der Selbstbestimmung des Bürgers, bis heute verankert ist.

Ankündigung baldiger Angriffskriege

In Nizza beschlossen die Staatschefs hinter verschlossenen Türen, so rasch wie möglich Truppen aufzustellen, die zur „Krisenbewältigung“ und für „friedensschaffende Massnahmen“ eingesetzt werden, was gemäss neuer Nato-Doktrin vom April letzten Jahres andere Worte für Angriffskriege sind. Diese werden geplant für Rohstoffe, gegen unbotmässige Länder mit ungenügenden Reformen, bei Grenzstreitigkeiten usw. (Art. 17.2 EU-Vertrag). Gemäss Artikel 11.2 müssen die Mitgliedsstaaten eine solche Politik „aktiv und vorbehaltlos im Geiste der Loyalität und der gegenseitigen Solidarität“ unterstützen. Man erinnert sich mit Grausen an den Warschauer Pakt, der die Satelliten zur Teilnahme an Unterdrückung zwang. Das „Krisenmanagement“ der EU besteht zunächst darin, dass ein Polit- und Sicherheitskomitee zentral alle Informationen verwaltet, die zu einer Entscheidung führen müssen. Die demokratisch nicht kontrollierte Europäische Kommission hat als einzige Institution das Recht, die gegen ein anderes Land angewendeten Massnahmen zu initiieren. In Nizza ist gleichzeitig dem Präsidenten der Kommission erlaubt worden, sich zum Chef über die Vertreter der Länder aufzuschwingen. Er hat die politische Führung, er weist jedem Landesvertreter seinen Posten zu und kann ihn auch zum Rücktritt zwingen. Das heisst, will der Kommissionspräsident Krieg initiieren, hat er die Macht dazu erhalten, wenn er die Ministerpräsidenten davon überzeugen kann. Das europäische Parlament kann dazu nichts sagen, es wird nur angehört (Art. 21 EU-Vertrag).

Wie weit die Kriegsvorbereitungen schon gediehen sind, bei denen die Schweiz beteiligt werden soll, zeigt sich im Inland-Leitartikel der NZZ (S. 11) gezielt zu Silvester, mit dem angekündigt wird, was das neue Jahr bringen wird. Matthias Saxer wird dazu gebracht, die Schweizer aufzufordern, innerhalb des Konzeptes „Sicherheit durch Kooperation“ im Rahmen der Nato Söhne und  Töchter fremder Mütter und Väter im Ausland zu ermorden - notabene für Rohstoffe, gegen reformunwillige Länder oder bei anderen „Konflikten“. Den eigenen Tod soll die Jugend für kaltblütige Machtstrategen in Kauf nehmen. „Und setzt ihr nicht das Leben ein - nie wird euch das Leben gewonnen sein“ - als ob Schiller damit gemeint hätte, sein Leben für Geld- und Machtstreber einzusetzen. Wer sich lieber für Freiheit und Menschenrechte einsetzt wird nebenbei als „Defätist“ beschimpft: Wie immer vor einem Angriffskrieg muss man der Jugend eine Ideologie für das Morden liefern. Welch eine Farce gerade in der Schweiz, die nur mit ihrer Neutralität die Möglichkeit hat, wirklich für den Frieden tätig zu werden - innerhalb des Roten Kreuzes, als Diplomaten, mit dem Katastrophenhilfscorps, als neutrales Land, das zu Friedensgesprächen einladen kann usw. Wenn der Krieg schon an Silvester in der Zeitung angekündigt wird, dann ist es höchste Zeit, dass die Bürger aufbegehren und die Armee auf die Selbstverteidigung beschränkt lassen.

Unabhängigkeit der EU-Organe aufgehoben

Die nur scheinbare Trennung der Gewalten innerhalb der EU wurde in Nizza ganz offiziell aufgehoben. Im Vertrag von Nizza (S. 21) wird daran erinnert, dass die verschiedenen EU-Organe dazu verpflichtet sind, loyal zusammenarbeiten, ja sogar gemeinsame Vereinbarungen zu treffen (Parlament, EU-Kommission und Ministerrat). Eine Demokratie zeichnet sich jedoch dadurch aus, dass die Gewalten ausdrücklich getrennt sind. Denn wie will ein Parlament die Regierung kontrollieren, wenn sie sich dieser gegenüber loyal verhalten muss. Das erinnert an die sozialistische „Demokratie“ im ehemaligen Osteuropa.

Aufpfropfen einer Grundrechtscharta

Die Grundrechtscharta wurde von 62 nichtlegitimierten Personen, deren Namen zunächst nicht zu erfahren waren, innerhalb eines halben Jahres geheim ausgearbeitet. Die Einwände eines Teils dieser Personen wurden nicht diskutiert. Die Öffentlichkeit hatte erst seit Juni vergangenen Jahres Zugang zu dieser Grundlage einer neuen Verfassung. Die Grundrechtscharta hat schon deshalb keine Legitimation, weil sie von den Bürgern in Europa nicht diskutiert werden konnte und deshalb auch nicht die Verfassung eines demokratischen Gebildes sein kann. Diese Grundrechtscharta geht weit hinter die Europäische Menschenrechtserklärung zurück. Es stellt sich die Frage, warum die EU nicht einfach dieser bereits ausgearbeiteten Erklärung beigetreten ist. Offenbar will man fundamentale Freiheitsrechte der Bürger nicht mehr beibehalten. Freiheitsrechte, die gar nicht in Frage gestellt werden dürfen, wenn ein Staat eine Legitimation haben will. Der Bürger überträgt nämlich dem Staat nur so lange die Staatsmacht, wie dieser die eingeborenen Rechte des Menschen respektiert.

Ein Recht auf Leben und auf Unversehrtheit zum Beispiel, hat in der Grundrechtscharta nicht mehr jeder Mensch, sondern nur noch jede Person (Artikel 2 und 3). Nach der Definition derjenigen, die alte und geistig behinderte Menschen wie im Nationalsozialismus töten wollen, ist ein Mensch mit Bewusstseinsstörungen keine Person mehr. Deshalb braucht es auch einen extra Artikel für alte Menschen, obwohl sie ja auch Menschen sind. Darin ist aber nur noch ein Recht auf Würde und Unabhängigkeit für ältere Menschen angegeben (Artikel 25). Im Gegensatz zum naturrechtlichen Gedanken, dass die Würde jedem Menschen eingegeben ist, sprechen die Mörder älterer Menschen die Würde nur noch bestimmten Menschen zu. Die Parlamente der EU-Staaten müssen von möglichst vielen Bürgern aufgefordert werden, diese Charta nicht zu unterschreiben.

Die Familie ist nicht in besonderer Weise geschützt, auch nicht vor Eingriffen des Staates, wie es zur Grundlage jedes demokratischen Staates gehört, im Artikel 33 handelt es sich nur um eine Soll-Bestimmung. Stattdessen gibt es nur noch ein Recht, eine Familie zu gründen (Art. 9) Das natürliche Erziehungsrecht der Eltern als Schutz vor dem Staat gibt es nicht. Stattdessen gibt es ein Recht, dass der Staat die Interessen des Kindes auch gegen den Willen der Eltern durchsetzen kann. (Art. 24). Die wissenschaftliche Lehrfreiheit ist nicht mehr geschützt (Artikel 13). Neben dem Eigentumsrecht gibt es die Freiheit des Unternehmers, was deren Position in der Zeit der verantwortungslosen Gewinnmaximierer stärkt. Professor Karl-Albrecht Schachtschneider hat in Zeit-Fragen vom 9. Oktober 2000 eine ausführliche Kritik an dieser Charta formuliert.

Verordnete Berufstätigkeit für Frauen

In der Sozialagenda wird festgelegt, dass in der EU bis zum Jahr 2010 die Beschäftigungsquote der Frauen auf über 50% zu erhöhen. Die Probleme mit den Renten dienen dazu, die erzwungene Eingliederung der Frauen in die globalisierten Arbeitsstrukturen zu rechtfertigen (Artikel 2, 6, 10 und 22), wozu wie im ehemaligen Osten die frühe Trennung der Kinder von den Müttern unausweichlich ist.

Erzeugung bindungsloser Menschen

Die EU ordnet sich den Anforderungen des börsenorientierten „Wirtschaftens“ unter, (Artikel 25, Sozialagenda) abstatt die von Menschen erzeugten „Zwänge“ auszuloten und entsprechende Gegenmassnahmen zu planen. Sie kündigt eine „Umstrukturierung des Produktionsapparates und sektorielle Veränderungen“ an, die innerhalb der EU aus der weiteren Aufhebung von Schutzmechanismen gegen die Zerstörung der sozial eingebundenen Unternehmen folgen werden. (Artikel 19, Sozialagenda) Der einzelne Mensch muss so umgebogen werden, dass er jederzeit überallhin verschickbar ist. Die EU will diese Funktion für die börsencotierten Firmen einnehmen und „einen positiven Umgang mit diesem Wandel“ erzeugen (Artikel 19). Besonderer Wert wird mit einem Spezialprogramm auf den „Ausbau der Mobilität“ gelegt (Artikel 18 Sozialagenda und Aktionsplan für die Mobilität), was nichts anderes heisst als ein Lebensentwurf zu erzeugen, in dem man sich nirgends in der Familie, in Vereinen, Vereinigungen und Gemeinden längerfristig engagieren und binden will, also auch Verantwortung übernimmt. Deshalb muss unter anderem in allen Schulen der Fremdsprachunterricht, besonders Englisch gefördert werden. Die EU fordert sogar - in Abkehr von der Eigenständigkeit von Gemeinden und Ländern, Vereine und Vereinigungen, Unternehmen und Arbeitnehmerorganisationen vom Staat, dass alle an diesem Programm „ihren Teil beizutragen haben“ (Artikel 27).

Projekte für den Anschluss weiterer Länder

Innerhalb von 5 Jahren sollen 8,1 Milliarden Franken dafür aufgewendet werden, den Anschlussprozess weiterer Mittelmeerländer an die EU zu finanzieren. Nachdem die westlichen Balkanländer durch Bomben gefügig gemacht worden sind und den von der EU finanzierten Präsidenten gewählt haben, zahlt der Steuerzahler jetzt 7 Milliarden Franken, um die westlichen Balkanländer in die EU zu führen. (Schlussfolgerungen des Präsidenten, Punkte 59 und 60)

Schnellere Umsetzung der Agenda 21

In den Schlussfolgerungen des Vorsitzes, in denen alle Beschlüsse zusammengefasst wird unter Punkt 44 festgelegt, dass in einem halben Jahr ein Plan ausgearbeitet werden kann, wie die Agenda 21 vom Rio Gipfel über eine Weltumweltorganisation besser umgesetzt werden kann und damit auch der Zerfall des Rechtsstaat, von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten.

„Neue“ Grundwerte der Rätediktatur

Statt dieser Grundwerte erklärt die EU in der Sozialagenda (Artikel 23): „Der soziale Zusammenhalt, die Ablehnung aller Formen der Ausgrenzung und Diskriminierung, die Gleichstellung von Männern und Frauen bilden die Grundwerte des europäischen Gesellschaftsmodells, wie dies auf der Tagung des Europäischen Rates in Lissabon bekräftigt wurde.“ Was sich oberflächlich betrachtet gut anhört, wird dann zu einer erschreckenden Vision, wenn man erkennt, was in der EU alles nicht mehr zum europäischen Gesellschaftsmodell gezählt wird: Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte, Gerechtigkeit, Demokratie, Gewaltenteilung, Nächstenliebe, Friedfertigkeit. Die neuen Grundwerte der EU sind hingegen in den Diktaturen des marxistischen Ostens fast gleichartig propagiert worden.

Von der Präsidentin bestimmtes Europäisches Parlament

Obwohl diese Grundrechtscharta nicht für rechtsverbindlich erklärt worden ist, erklärte die Präsidentin des europäischen Parlamentes, Nicole Fontaine, am 7. Dezember in Nizza trotzdem, das europäische Parlament werde nur noch Gesetzen zustimmen, die in Übereinstimmung mit dieser nichtdeklarierten neuen Verfassung stünden „auch wenn dabei ihrer vollständigen Übertragung in den Vertrag vorgegriffen werden muss.“ In Tat und Wahrheit müsste das Volk selbst einer neuen Verfassung zustimmen und es ist nicht erlaubt, dass sich die Vertretung des Volkes an ein Papier hält, das gar nicht vom Volk akzeptiert worden ist. Darüberhinaus sagt sie damit aus, dass sie festlegen kann, was die scheinbar unabhängigen Volksvertreter tun werden. Liegt das vielleicht daran, dass im europäischen Parlament einmal im Monat Hunderte von Abstimmungen im Minutentakt hintereinander stattfinden, so dass die einzelnen Parlamentarier in Wirklichkeit gar nicht richtig überlegen können, wie der französische Europaparlamentarier Alain Krivine in Readers Digest vom November 2000 erklärt (S. 134ff)

Erinnert sei daran: Die Journalisten hat man die ganze Zeit der Regierungskonferenz mit der Frage beschäftigt, ob eine einzige Person im Ministerrat in Zukunft je nach Land 2, 5, 28 oder 29 Stimmen gilt.

Das Prinzip der permanenten Revolution in der EU

Innerhalb von 10 Jahren hat die EU die Verträge, auf denen die Zusammenarbeit bestehen sollte und Recht abgeleitet wird, bereits das 3. Mal geändert. (Maastrich 1992, Amsterdam 1997, Nizza 2000) und schon 2004 sollen in einem weiteren Vertrag alle Veränderungen hin zu einer undemokratischen Konstruktion durchgesetzt werden, die in Nizza nicht gelungen sind. Das ist zumindest ungewöhnlich. Wenn man die Herkunft der meisten Regierungschefs aus der marxistischen Linken (Jospin, Schröder, Blair, d’Alema) kennt, so erinnert einen dieses Vorgehen an die „Theorie der systemüberwindenden Reformen“ oder der „permanenten Revolution“, die hier umgesetzt wird.

Der Schweizer Bundesrat verkauft die Schweizer an die EU

von Diethelm Raff, 11.12.2000

Die EU erschuf 1998 für die Beitrittskandidaten vor ihrer halbjährlich stattfindenden Regierungskonferenz eine Vorkonferenz. Am 7. Dezember fand diese Konferenz in Nizza statt. Im grossen Saal der Acropolis hing die Schweizer Fahne gemeinsam mit den Fahnen von 13 Beitrittskandidaten. Der Schweizer Bundesrat war der offiziellen Einladung als designiertes Mitglied gefolgt, weshalb die Schweiz offiziell als designiertes Mitglied aufgeführt war. Von allen Beitrittskandidaten fordert die EU insbesondere den Ausbau ihrer Verwaltungskapazitäten (Artikel 7 Bericht des Vorsitzes), um die vielen Verordnungen, Richtlinien, Entscheidungen und Empfehlungen der EU gegen die Bürger durchsetzen zu können. Der Vertreter des Bundesrates, Anschlusspolitiker Ogi, erklärte in Nizza: „Am 21. Mai 2000 hat das Schweizervolk zu den Bilateralen Verträgen mit der Europäischen Union ja gesagt. Mit einer sehr grossen Mehrheit und nach siebenjährigen Verhandlungen! Die Schweiz freut sich darauf, dass diese Verträge in Kraft treten werden, sobald alle Mitgliedstaaten der Union den Vertrag über den freien Personen Verkehr ratifiziert haben.

Diese Verträge ersetzen die Mitgliedschaft nicht. Die Mitgliedschaft ist das Ziel der Europapolitik der Schweizer Regierung. Während der nächsten Legislaturperiode wird der Bundesrat den Entscheid für die Reaktivierung der Verhandlungen mit der EU treffen im Hinblick auf eine Mitgliedschaft. Dieses Ziel muss vorbereitet werden durch autonome Reformen und durch Lösungen, die auf bilateralem Weg mit der europäischen Union ausgehandelt werden.“

Wer erinnert sich nicht daran, wie vier Bundesräte vor der Abstimmung behauptet haben, die bilateralen Verträge würden den EU-Beitritt verhindern? Wer erinnert sich nicht daran, wie jedem weisgemacht werden sollte, dass in 7 Jahren ja erst einmal über die Bilateralen Verträge abgestimmt werden könne und erst die Umsetzung der Bilateralen Verträge bis 2012 abgewartet werden würde für weitere Schritte? Wer erinnert sich nicht daran, dass diejenigen in grossen Inseraten als Lügner beschimpft wurden, die darauf hinwiesen, dass das eine Salamitaktik sei und nichts weiter? Und wer erinnert sich nicht daran, dass 40% derjenigen, die für die Bilateralen Verträge gestimmt haben, nach Umfragen nur deshalb so gestimmt haben, weil sie die EU-Mitgliedschaft verhindern wollten. Wer im Vertrauen auf den Bundesrat so gestimmt hat, kommt sich berechtigterweise verraten und verkauft vor.

Wenn eine Regierung bewusst gegen den Souverän arbeitet, das Volk bewusst belügt, hat sie ihre Legitimation verloren. Sie muss zurücktreten. Offenbar arbeitet sie für eine Grossmacht, die sich nicht scheut, nach den illegalen Sanktionen gegen Österreich ganz offen Angriffskriege gegen unbotmässige Länder innerhalb und ausserhalb der EU anzukündigen und zu planen. Der Eingliederung in diese Grossmacht ist mit allen Mitteln zu begegnen. Deshalb bitten wir Sie, das Referendum verschiedener Gruppen gegen das Militärgesetz zu unterstützen, weil damit die Einbindung der Schweiz in die militärische Logik der EU/NATO verhindert werden kann. Gleichzeitig muss am 25. März bei der Abstimmung über das „Ja zu Europa“ ein wuchtiges Nein zustandekommen. Wir bitten Sie: Helfen Sie mit. Verteilen Sie viele Exemplare von der vorliegenden und der letzten Ausgabe von „Bürger und Christ“ und reden Sie mit möglichst vielen Mitbürgern. Vielen Dank.

Die EU - ein autoritäres Gebilde - Eindrücke aus Nizza

von Diethelm Raff, Nizza

Manch einer verwechselt die EU immer noch mit einem demokratischen Gebilde, einem Europa der Vaterländer, einem demokratischen Zusammenschluss von freiheitlichen Demokratien oder einer sozialen oder ökologischen Utopie, auch deshalb weil die EU dies so propagiert. Auf dem Gipfel von Nizza konnte sich jeder eines Besseren belehren lassen. Einige Beispiel sollen dies erhellen.

Geheimverhandlungen statt offene und ehrliche Diskussionen

Die Verhandlungen in Nizza fanden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. In einer Demokratie hingegen kann jeder interessierte Bürger, also auch ein Journalist, bei den Verhandlungen über Gesetzestexte teilnehmen. Nur so können die Vertreter des Volkes kontrolliert werden. Gesetze können nur die Gesetze des Volkes sein, wenn sie vom Volk diskutiert worden sind und die Vertreter das vertreten, was sie dem Volk versprochen haben. In Nizza hat die Öffentlichkeit über die Vorgänge bei den Verhandlungen nur das erfahren, was die Regierungsvertreter für die Öffentlichkeit zugänglich machen wollen. Solche Geheimverhandlungen waren typisch für die Metternichsche Politik Anfang des 18. Jahrhunderts oder für Bismarks Kabinettspolitik Ende des 19. Jahrhunderts.

Diese Kritik, die wir unter Unmutsäusserungen vieler Journalisten auf Pressekonferenzen in Nizza aufbrachten, schloss sich Elmar Brok an, der Vertreter des Europaparlaments in den Vorverhandlungen für Nizza. Er forderte vehement öffentliche Verhandlungen und den Abschied von metternichscher Geheimdiplomatie. Inzwischen erhoben verschiedene Vertreter des Europaparlaments am letzten Dienstag bei der Diskussion des Nizza Vertrages dieselben Forderungen. Der französische Aussenminister Muscovici zeigte für solche demokratischen Selbstverständlichkeiten allerdings überhaupt kein Verständnis. Er behauptete, er wisse nicht, wie man noch transparenter werden könne. Wer noch mehr Einblick erhalten wolle, wolle offenbar wie ein Mäuschen dabeisitzen. Das sei ja nicht nötig, da die Öffentlichkeit ja doch alles erfahre. In seiner machtversessenen Arroganz vergisst der Herr, dass es nicht um den Anspruch geht, auch einmal als Mäuschen bei der Aristokratie mitzuhören, was den Bürger eigentlich gar nichts angeht, sondern dass es sich dabei um unveräusserliches Recht des Bürgers geht. In Tat und Wahrheit gibt der Bürger nämlich nur freiwillig und vorübergehend sein Recht auf Eigenbestimmung auf, wenn dafür die Vertreter des Volkes das Vertrauen durch ehrliche und offene Politik rechtfertigen. Tun sie das nicht, hat der Bürger direkt eine Pflicht, solche Verächter des Volkes das Mandat abzusprechen, um die Demokratie zu erhalten.

Muscovici ging aber noch weiter und behauptete, die Regierungen seien demokratisch gewählt und damit legitimiert, Gesetze zu machen - als ob nicht jeder demokratische gebildete Bürger weiss, dass eine Regierung Gesetze auszuführen und nicht Gesetze zu erlassen hat. Gerade die Gewaltentrennung unterscheidet die Demokratie von einer Despotie.

Das zweite Land mit Grossmachtsanspruch, Deutschland,  reagierte auf die Kritik mit derselben Arroganz. Der Berater von Kanzler Schröder, Michael Steiner erklärte in finsterster Demokratiefeindlichkeit: „Die Alternative zu dieser Politik hinter verschlossenen Türen sind Fensterreden für das Volk, wie sie im Parlament üblich sind, durch die überhaupt kein Resultat zustandekommt.“ Der offizielle Sprecher der Bundesregierung stellt sich damit in die Tradition der nationalsozialistischen und marxistischen Kritik am Parlamentarismus und setzt sich ganz offen für einen autoritären Staat ein. Vielleicht versteht sich Herr Schröder deshalb so prima mit Herr Putin. In Tat und Wahrheit sollen Entscheidungen in einer Demokratie gerade durchschaubar sein. Und wenn die Parlamentarier tatsächlich in Fensterreden dem Volk nur etwas vormachen, dann sind sie als Volksvertreter nicht geeignet.

Diktatur der Grossmächte über die angeschlossenen Staaten

Offene Diskussion war am Gipfel von Nizza jedoch nicht einmal innerhalb der einzelnen Regierungen gestattet. Präsident Chirac liess alle Regierungsvertreter einzeln bei sich antreten und verlangte von jedem mit verschiedensten Druckmitteln, sich den Forderungen insbesondere von Deutschland und Frankreich anzupassen, besonders was die Möglichkeit von einigen Ländern angeht, ohne die Diskussion unter allen Mitgliedern ihre Länder enger zusammenzuschliessen und die Macht der grossen Staaten auszubauen. Er nannte dieses Druckverfahren zu allem Überfluss auch noch „Beichtstuhlverfahren“. Er erhob sich damit zum Vertreter Gottes und die kleinen Staaten zu Sündern, die ihm zu beichten hätten.

Die Vorstellung vom Gottesgnadentum der Herrscher wurde im 19. Jahrhundert überwunden, soll jetzt offenbar über die EU wieder in säkularisierter Form in Europas aufgeklärten Ländern Einzug halten. Deutschland und Frankreich teilten sich die Rollen in diesem Akt des Machtausbaus einer kleinen Minderheit in Europa über die Bevölkerung. Frankreich setzte die notwendigen Massnahmen durch und Deutschland bot sich als Vermittler an, der aber in vieler Hinsicht dieselben Interessen wie Frankreich verfolgte. Die Franzosen spielten den „bad guy“, die Deutschen den „good guy“.

Auf einer Pressekonferenz versuchte der aus der Frankfurter Häuserkampfszene stammende deutsche Aussenminster Josef Fischer unseren Einwand gegen diese Dominanz von Frankreich und Deutschland gegen die kleinen Länder erst gar nicht zu widerlegen. Halb ironisch erklärte er, dass ja seine Vergangenheit bekannt sei und es hier ebenfalls nicht ohne Blessuren abgehe. Das Mobbing gegen unbotmässige Ländervertreter im sogenannten „Beichtstuhlverfahren“ verteidigte er  - der Atheist - mit der Behauptung, im Beichtstuhl gehe es doch ganz friedlich zu wie jeder Katholik wisse. Er macht damit deutlich, dass dieser Begriff ausdrücklich gewählt worden ist, um die positiven Assoziationen vieler Katholiken damit auszubeuten und zu verschleiern, den Zwang mit langerprobten Psychotechniken zu verschleiern.

Demütigung der kleinen Staaten

In Tat und Wahrheit wurden die Ländervertreter massiv bearbeitet. Der belgische Ministerpräsident Louis Michel erklärte nach zig Stunden Verhandlungen am frühen Montag morgen um 6 Uhr sichtlich aufgelöst und verstört: „Ich muss Ihnen gestehen, dass ich noch nie an solch einem Gipfel war. Es ist unvorstellbar, wie die Verhandlungen vor sich gehen. Es besteht ein unwahrscheinlicher Druck, wenn man eine andere Meinung vertritt. Es ist persönlich fast nicht auszuhalten, wie 14 andere einen dazu zwingen wollen, seine Meinung zu ändern. Auf solch einen Machtkampf ist man gar nicht vorbereitet. Dabei ging es uns Belgiern nur darum, dass wir eine logische Lösung wollten. Wenn sich die Verteilung der Stimmen im Rat nach der Bevölkerungszahl richtet, dann muss eben auch Deutschland mehr Stimmen als Frankreich haben und Malta gleichviel wie Luxemburg. Stattdessen hat Herr Chirac erklärt, Malta erhalte weniger Stimmen, weil es im Gegensatz zu Luxemburg nichts zur EU beigetragen hat. Man konnte gar nicht logisch diskutieren. Zugunsten von einem Vereinten Europa haben wir nachgegeben. Den einzelnen Staatschefs geht es nur um die eigenen Bedeutung. „Ich , ich, ich“ ist der einzige Gedanke, um den es ging. Von einem Europa des Friedens, der Solidarität, der sozialen Gerechtigkeit, eine Utopie, die für mich beinahe transzendenten Charakter hatte, ist gar nichts zu spüren. Es geht um finanzielle Vorteile und Machtverteilung. Es ist eine Schande. Ich plädiere dafür, dass nach diesem katastrophalen Gipfel die Völker erst einmal darüber abstimmen können, ob sie überhaupt ein vereintes Europa wollen, ob sie ein solches Europa wollen oder ein eingeschränktes oder noch mehr Integration. Das muss zuerst gemacht werden nach solch einer vollkommenen Desillusionierung.“

Bedeutende Schritte hin zu einem diktatorischen Gebilde

Wenn in vielen Zeitungen in Deutschland davon gesprochen wird, dass sich Frankreich und Deutschland nicht einig gewesen seien, so ist das die offizielle Linie, die den Medien weitergegeben worden ist. In Tat und Wahrheit haben Deutschland und Frankreich zusammen das meiste durchgesetzt, was sich die neuen Diktatoren vorgenommen haben: Eine Angriffsarmee für den Krieg gegen unbotmässige EU-Länder oder Länder ausserhalb, die verschleiernd Kriseninterventionsarmee genannt wird, einen starken Kommissionspräsidenten, die Möglichkeit von Frankreich und Deutschland zur Avantgarde zu werden, indem sie mit anderen Ländern zusammen die Nationalstaatsidee aufheben können unter dem Titel verstärkte Kooperation, die Einführung der US-dominierten WTO als Teil des EU-Vertrages, eine Grundrechtscharta, in der den Unternehmern erstmals ein Recht zuerkannt wird, eine Sozialcharta, in der sich die EU verpflichtet, die mit der verstärkten Integration erfolgenden Firmenzusammenbrüche und Zerstörung der Landwirtschaft dadurch zu begegnen, dass die Menschen mobiler gemacht werden müssen und sich dem von den Grosskonzernen bestimmten Leben anpassen müssen und eine Definition der europäischen Gesellschaftsidee, in der Freiheitsrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit nicht mehr genannt sind.

Sehen wir uns vor und pochen wir auf demokratische Rechte, Freiheitsrechte und Rechtsstaatlichkeit. Diese kleine Clique von Geltungssüchtigen kann nur dann ihre Pläne durchsetzen, wenn sich der einzelne Bürger als Basis der Demokratie, als Citoyen, nicht bewusst ist.

Führt die EU zu Demokratie, Freiheit und Frieden? Gedanken eines Journalisten über die EU-Konferenz in Nizza

Vortrag in Budapest 17.02.2001 von Diethelm Raff, Journalist, Zürich

Sehr geehrte Damen und Herren

Hier habe ich eine teure, praktische Tasche. Die habe ich nicht bezahlt. Die habe ich nach einer Art Diebstahl „geschenkt“ bekommen. Genauso wie 3000 andere Journalisten beim Gipfel der Regierungschefs von EU-Ländern in Nizza vom 7. Bis 11. Dezember 2000. Sie können sich vorstellen, was das kostet. Damit aber nicht genug erhielt jeder noch eine Kleidertasche und wertvolles Olivenöl. Weiterhin hat man die Journalisten neben den Sandwichs, Obst, Kaffee und Limonade zwei Mal am Tag fürstlich und gratis mit einem Mehrgangmenu plus Wein und Bier versorgt. Vier Tage lang. Alle 3000 Journalisten konnten die ganze Zeit gratis in die ganze Welt telefonieren. Bezahlt haben diese Millionen von Franken die Steuerzahler in den EU-Mitgliedsländern. Man muss wohl von Diebstahl der Regierenden sprechen, bezahlen die Bürger ihre Steuern in Demokratien doch im Vertrauen darauf, dass sie sorgsam verwendet werden und nicht dafür, dass die Regierenden einige mit Privilegien ausstatten.

Den Bürgern Nizzas hat man die Hauptverkehrsstrasse auf einer Länge von mindestens 2 Kilometern gesperrt, damit die Regierungschefs mit ihren Wagenkonvois und die Journalisten mit Sonderbussen oder Taxis innerhalb von wenigen Minuten in ihrem Hotel sein können. Mehrere Hundert Kleingewerbetreibende und Restaurantbesitzer hatten 5 Tage lang keine Kunden, die Quartierbewohner keinen U-Bahnhof. Im Gegensatz zu den Journalisten hat man ihnen nichts dafür bezahlt. Die Journalisten durften die Sperren zum Machtzentrum passieren. Sie konnten sich als Teil der Macht ansehen und benahmen sich auch so. Sie waren zusätzlich in 5 Kategorien unterteilt und die obersten hatten das Privileg, die Herrschenden zu fotografieren, in ihrer Nähe zu sein und vielleicht einmal ein paar spezielle Aussagen der Herrschenden direkt zu hören, damit einen speziellen Artikel veröffentlichen zu können und so ihre Karriere zu befördern.

Wie viele Journalisten wohl bleiben dabei unabhängig und berichten kritisch?

Tritt die EU für Demokratie, Frieden, Freiheit und Menschenrechte ein?

Ist diese reine Machtdemonstration typisch für die EU? Oder geht es in der EU um Demokratie, Frieden, Freiheit und Menschenrechte, wie wir von der EU-Zentrale und vielen Journalisten immer wieder zu hören bekommen? Genauso wie für die Schweiz, in der in zwei Wochen über Beitrittsverhandlungen mit der EU abgestimmt wird, sind diese Fragen auch für die verschiedenen Beitrittskandidaten von grösster Bedeutung. Erhoffen sich doch viele von der EU eine Sicherheit vor den früheren Despoten und Russland, das zudem wieder dabei ist, die alte zentralistische Herrschaft auszubauen und in verschiedenen Bereichen aufzurüsten.

Anwort aus republikanischem, freiheitlichem und sozial verpflichtetem Denken

Mit den folgenden Ausführungen möchte ich auch die Diskussion mit verschiedenen Überlegungen befruchten, die jeden überraschen wird, der nur die Propaganda der EU in den Zeitungen lesen darf. Die Diskussion überall in Europa über die EU speist sich nämlich aus einem republikanischen Denken, einem freiheitlichen, demokratischen Denken, das sich der Aufklärung verpflichtet fühlt und dem naturrechtlichen Denken, was zusammen zur „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ von 1948 geführt hat, zum Völkerrecht und zur Katholischen Soziallehre mit dem Prinzip der Subsidiarität. Wer - wie in Ungarn - jede Kritik an der EU als rechtsradikal bezeichnet, macht sich nicht nur lächerlich, sondern muss sich auch fragen lassen, inwieweit er sich die „repressive Toleranz“ Marcuses oder anderer totalitärer Denker zu eigen gemacht hat, die eine Diskussion nur innerhalb vorgegebener Grenzen zulassen wollen. Es soll den Menschen eine Schere in den Kopf gepflanzt werden, die alle Gedanken herausschneiden soll, die den Herrschenden nicht gefallen.

Tatsächlich ist es eine schöne Idee, in Europa „ein gemeinsames Haus“ zu bauen - Friede zu schaffen wie es heisst - und sich dann gemeinsam dafür einzusetzen, auf der ganzen Welt dafür zu sorgen, dass die 600 - 700 Millionen Hungernden zu essen bekommen. Welcher mitfühlende Mensch könnte sich dagegen wenden?

Die EU ist nicht Europa

Die EU ist aber nicht Europa, sie ist ein spezielles Gebilde, das sich auf ganz Europa ausdehnen will.

Gewaltenteilung als Unterscheidungskriterium zwischen Despotie und Demokratie

Wenn wir gemeinsam fragen wollen, ob man mit der EU ein Haus Europas bauen kann, so müssen wir zunächst die Frage stellen, ob die EU überhaupt eine Demokratie ist? Dafür beziehen wir uns auf Charles de Secondat Montesquieu (1689-1755), den Vater der modernen Demokratietheorie. Er hat schon vor 250 Jahren erklärt, dass sich eine Demokratie von einer Despotie durch die Gewaltenteilung unterscheiden lässt. Wie steht es mit der Gewaltenteilung, der Unterscheidung von Exekutive, Legislative und Judikative in der EU?

Gibt es eine Gewaltenteilung in der EU?

Die Regierung, die Exekutive, der EU soll die Europäische Kommission sein. Sie soll die Gesetze durchsetzen. Sie besteht aus 20 Mitglieder. Sie sind von den einzelnen Länderregierungen bestimmt, nicht von Parlamenten oder vom Volk gewählt, wie es in einer Demokratie üblich ist. Wenn die Kommissionsmitglieder einmal bestimmt sind, sind sie nicht mehr abwählbar, also auch nicht demokratisch kontrollierbar. Sie sollen sogar ausdrücklich unabhängig von den demokratisch regierten Ländern sein und nicht auf deren Weisung handeln. Mit dem Vertrag von Nizza kann der Kommissionspräsident - neu - bestimmen, welche Funktionen die Vertreter der Länder innehaben und kann sie unter bestimmten Bedingungen auch entlassen, wenn sie ihm nicht mehr gefallen.

Die demokratisch nicht kontrollierbare Europäische Kommission, also die sogenannte Regierung, hat in der EU als einzige Institution die Möglichkeit, Beschlüsse zu initiieren (Verordnungen, Richtlinien, Entscheidungen). Eine Aufgabe, die in demokratischen Gesellschaften vor allem dem Parlament zukommt, weil dieses in Vertretung der über sich selbst bestimmenden Bürger die Gesetze anregen soll, die für die Bürger gemacht werden. Besser ist es noch, wenn das Volk selbst Gesetze in die Wege leiten kann wie vor allem in der Schweiz, aber auch in vielen anderen Ländern. Damit kann man der Distanz des Parlaments vor dem Volk vorbeugen.

Die Europäische Kommission und deren Bürokratie bereitet dauernd neue Gesetze vor. Man spricht davon, dass bereits 80% der Gesetze in den Mitgliedsländern von der EU vorbestimmt sind. Diese Vorschläge der Europäischen Kommission kommen an einen Ausschuss, den Allgemeinen Ständigen Ausschuss mit 15 Mitgliedern. Diese sind von den einzelnen Regierungen bestimmt worden und sind in der Öffentlichkeit kaum bekannt. Dort werden die entscheidenden Verhandlungen im Geheimen abgewickelt - von demokratisch nicht mit einem Mandat ausgestatteten Personen. Die Begründungen für die Entscheidungen, die Kompromisse  erfahren die Bürger der einzelnen Länder nie. Müssen zum Beispiel die Bürger eines Landes auf ihre eigene Versorgung mit Lebensmitteln verzichten, weil diese 15 Personen von einem militärstrategischen Denken von Grossmächten ausgehen oder weil sie von grossen Konzernen dazu „ermuntert“ worden sind?

Die Minister der einzelnen Länder, der Ministerrat, jedenfalls unterzeichnen diese Kompromisse im Normalfall nur noch oder verhandeln ein paar wenige Punkte. Die Regierungsvertreter der einzelnen Länder, deren Exekutive also, beschliesst die Gesetze letztendlich, benimmt sich also als Legislative. Den eigenen Parlamenten werden dann die Gesetze mit dem Hinweis vorgelegt, wenn sie nicht zustimmen würden, würden sie die Einheit Europas gefährden, weshalb normalerweise kein Widerspruch auftaucht. Das Europäische Parlament kann bei manchen Gesetzen nur mitreden bei anderen mitentscheiden, hat also gar nicht die Funktion, die es in einer Demokratie haben müsste, nämlich Gesetze zu beschliessen. Die Beschlüsse im europäischen Parlament erfolgen im übrigen im Minutentakt an jedem Donnerstag zwischen 12.00 und 13.30. Die Parlamentarier hören dabei nicht einmal die Titel der Gesetze, sondern nur die Nummern, wie es der französische Europaparlamentarier Alain Krivine im Schweizerischen Readers Digest (November 2000) berichtet. Der Zeitraum ist so kurz bemessen, weil die Parlamentarier normalerweise bei den Beratungen gar nicht dabei sind.

Kann es ein europäisches Parlament als Vertretung eines Staatsvolkes überhaupt geben?

Auch wenn das europäischen Parlament die Kompetenzen hätte, Gesetze zu initiieren und Gesetze zu beschliessen, wäre damit nur besiegelt, dass die demokratisch gewählten Länderparlamente fast keinen Einfluss mehr auf ihr eigenes Wohl und Wehe hätten. Das Parlament jedenfalls soll die Vertretung der Bürger sein, die sich freiwillig zusammengeschlossen haben, ihre Gewalt auf das Staatswesen übertragen haben, weil sie dieses als ihr eigenes ansehen. Dazu braucht es aber den freien Willen der Bürger. Der ist in der Europäischen Union nicht zum Ausdruck gebracht worden. Es existiert faktisch auch nicht, weil es kein europäisches Staatsvolk gibt. Es kann nicht einmal die Rede davon sein, dass der Ungar mindestens den Eindruck hat, ein Schwede, ein Engländer oder ein Franzose könnten ihn vertreten, weil er ihn versteht und seine tägliche Situation versteht. Dazu kommt, dass die Entscheidungen nicht in der Landessprache getroffen werden. Die meisten Dokumente existieren nur in Englisch und Französisch und vielleicht Deutsch. Die Vertreter des Volkes sind darauf angewiesen, dass der Übersetzer eine richtige Übersetzung erstellt hat. Er gibt sein Schicksal in dessen Hand, ist in der anderen Sprache auch bei guten Sprachkenntnissen nicht so „zu Hause“ wie in der eigenen Sprache und ist so an Mitwirkung behindert. Der politisch interessierte Bürger kann so kaum noch mitdenken, ist auf die wenigen Journalisten angewiesen, die ihm erklären wollen, wie Entscheidungen zustandekommen. Das Staatswesen kann so kaum seine eigene Sache sein. Ein Europäisches Parlament kann deshalb in der jetzigen Situation, in der sich die Bürger nicht in einer kulturellen Entwicklung so weit angenähert haben, dass sie so viel Vertrauen zueinander gefasst haben, dass freiwillig ein eigenes Staatswesen bilden wollen, gar kein Parlament im Sinne der Vertreter des Volkswillens sein.

Die Judikative, die Richter am Europäischen Gerichtshof werden von den Regierungen eingesetzt. Sie sind also auch nicht vom Volk bestimmt, obwohl sie unabhängig richten können sollten. Zudem betätigen sich die Richter sehr stark an der Weiterentwicklung des EU-Rechts, was auch nicht Aufgabe eines Gerichtes ist. Ein Gericht sollte stattdessen überprüfen, ob eine Massnahme mit dem geltenden Recht übereinstimmt.

Fehlende Gewaltenteilung in der EU macht sie zur Despotie

Wir können also sagen, dass es in der EU an der Unterscheidung von Legislative, Exekutive und Judikative fehlt. Wir müssen deshalb gemäss Montesquieu von einer Despotie sprechen. Darauf angesprochen, bestreiten dies nicht einmal die Vertreter der EU.

In Nizza habe ich an einer Pressekonferenz den Kommissionsprädenten Prodi, sowie die damalige Präsidentschaft der EU, den Staatspräsidenten Frankreichs Herrn Chirac und den Ministerpräsidenten Jospin gefragt, ob sie in der EU einmal darüber nachgedacht hätten, die drei Gewalten zu trennen und dadurch von einer Despotie zu einer Demokratie zu werden. Herr Jospin hat gemäss abgedrucktem Dokument geantwortet: „Die EU ist eine ganz spezielle Konstruktion und es ist wahr, sie haben nicht unrecht, es gibt eine gewisse Verschachtelung der Gewalten, die bewirkt, dass die klare Trennung der Gewalten gemäss Montesquieu bei der EU vielleicht nicht sein bestes Beispiel findet. Also, es gibt eine Konstruktion, sie ist so, wie sie ist. Sie hat die Erlaubnis weiterzuexistieren. Zweifellos muss man die Gewalten noch ein bisschen klarer trennen. Aber machen wir das doch mit ein bisschen Pragmatismus und zerstören wir deshalb doch nicht einfach so eine originelle Konstruktion.“ Er hat damit erklärt, dass sie die Demokratie in der EU nicht einführen werden. Der Europaminister Frankreichs, Moscovici,  hat an einer anderen Pressekonferenz in Nizza sogar erklärt, die Regierungen seien dazu gewählt, Gesetze zu machen. In Tat und Wahrheit hat eine Regierung dafür kein Mandat des Volkes. So wenig demokratische Gesinnung haben diese Regierungsvertreter.

Keine Kontrollmöglichkeiten der Gesetzgebung durch die Bürger

Weiter ist zu beachten, dass in einer Demokratie die Gesetzesverhandlungen der Parlamentarier von den Bürgern mitverfolgt werden können, weil es ja ihre eigenen Gesetze werden sollen. So können sie die Volksvertreter kontrollieren, ob diese auch das beschliessen, was sie dem Volk versprochen haben. In der EU ist das nicht der Fall. Die Regierungen, die illegal Gesetze beschliessen, beraten nicht einmal öffentlich. Auch die Journalisten erfahren nur, was man ihnen in Kurzform zugänglich machen will. Meine Frage an einer Pressekonferenz an den Berater des deutschen Bundeskanzlers, Michael Steiner, warum die Bürger Europas die Gesetzesberatung nicht mitverfolgen können, beantwortete dieser in schlimmster Tradition autoritären Denkens in Deutschland: „Nirgends beraten die Regierungen öffentlich.“ In Wirklichkeit ist es so, dass die Regierungen nirgends die Gesetze beschliessen. Und weiter erklärt er: “Oder wollen Sie, dass wie in den Parlamenten nur Fensterreden für das Volk gehalten werden“ Er meint also, dass in den Parlamenten keine ernsthaften Auseinandersetzungen geführt werden, um das Beste für das Volk zu entwickeln. Wenn das so ist, dann sind das keine ernsthaften Parlamente.

Kämpfe um Macht und Geld statt demokratischer Verfahren in der EU

Nicht einmal unter den Ministern fand eine echte Auseinandersetzung statt. Der belgische Aussenminister Louis Michel erklärte nach zig Stunden Verhandlungen am 5. Tag der Verhandlungen am frühen Montag morgen um 5 Uhr sichtlich aufgelöst und verstört: „Ich muss Ihnen gestehen, dass ich noch nie an solch einem Gipfel war. Es ist unvorstellbar, wie die Verhandlungen vor sich gehen. Es besteht ein unwahrscheinlicher Druck, wenn man eine andere Meinung vertritt. Es ist persönlich fast nicht auszuhalten, wie 14 andere einen dazu zwingen wollen, seine Meinung zu ändern. Auf solch einen Machtkampf ist man gar nicht vorbereitet. Man konnte gar nicht logisch diskutieren. Den einzelnen Staatschefs geht es nur um die eigenen Bedeutung. „Ich , ich, ich“ ist der einzige Gedanke, um den es ging. Von einem Europa des Friedens, der Solidarität, der sozialen Gerechtigkeit, eine Utopie, die für mich beinahe transzendenten Charakter hatte, ist gar nichts zu spüren. Es geht um finanzielle Vorteile und Machtverteilung. Es ist eine Schande. Ich plädiere dafür, dass nach diesem katastrophalen Gipfel die Völker erst einmal darüber abstimmen können, ob sie überhaupt ein vereintes Europa wollen, ob sie ein solches Europa wollen oder ein eingeschränktes oder noch mehr Integration. Das muss zuerst gemacht werden nach solch einer vollkommenen Desillusionierung.“

Soweit der belgischer Aussenminister, ein Sozialist, der die Frage nach der Legitimität der EU aufwirft.

Statt ernsthafter Debatten rief Chirac die einzelnen Regierungsvertreter zu sich, um sie so zu bearbeiten, dass sie seinen Vorschlägen zustimmten. Dazu sagte sogar der Vertreter des Europaparlaments in Nizza, Elmar Brok: „Es finden hier Geheimverhandlungen wie vor 200 Jahren unter Metternich statt. Das ist einer Demokratie unwürdig.“

Beschlüsse der EU in Nizza für die Grossfinanz und gegen Freiheit und Demokratie

In Tat und Wahrheit haben die Minister innerhalb weniger Stunden wichtigste Beschlüsse für die Zukunft der Menschen in der EU beschlossen, ohne auch nur zu diskutieren.

So verabschiedeten sie eine Grundrechtscharta, die der Vorläufer einer Verfassung der EU darstellt. Diese Grundrechtscharta wurde geheim verhandelt, von demokratisch nicht gewählten 62 Personen. Die Bürger konnten nicht diskutieren, weil sie erst im Mai letzten Jahres veröffentlicht wurde und im September beendet worden ist. Dabei sollte eine Verfassung in einer Demokratie immer die von den Bürgern gemeinsam beschlossene Grundlage des Zusammenlebens darstellen. Warum tritt die EU dazu nicht einfach der Europäischen Menschenrechtscharta bei, die bereits existiert? Weil diese offenbar zu viele Rechte enthält. In der EU-Grundrechtscharta werden wichtige Grundlagen des demokratischen Staates nicht mehr genannt. Erwähnt sei nur, dass Familie und Ehe nicht mehr vor den Eingriffen des Staates besonders geschützt sind. Dabei ist die Privatsphäre besonders wichtig, um einem despotischen Staat vorzubeugen. Die Menschen haben nur noch ein Recht, eine Familie zu gründen Dieses minimale Recht wurde in Europa je nach Region schon vor mehreren Hundert Jahren zugestanden. Das natürliche Recht der Eltern zur Erziehung fehlt, stattdessen kann der Staat mit den sogenannten Kinderschutzrechten im Namen der Kinder in jede Familie eingreifen, ein Zustand, den wir in den bolschewistischen Staaten hatten. In der Präambel bezieht sich die EU nicht auf Gott. Sogar Agnostiker sollten dagegen Einwände haben, da die Gefahr besteht, dass der Staat sich absolut setzt.

Es fehlt ebenfalls die Freiheit der Lehre an den Universitäten, ein massiver Eingriff in die Unabhängigkeit der freien Universitäten vor dem Zugriff durch den Staat.

In der Grundrechtscharta hat nicht mehr jeder Mensch ein Recht auf Leben, sondern nur noch jede Person. Das heisst nichts anderes, als dass man einem Menschen die Personalität absprechen kann, zum Beispiel wenn er krank ist, und so das Recht auf Leben nicht mehr gilt. So kann Euthanasie gerechtfertigt werden.

 Die Verpflichtung zur Solidarität, die jeder demokratischen Verfassung zugrundeliegt, fehlt in der Grundrechtscharta weitgehend. Statt einer Verpflichtung des Staates, durch verschiedene Massnahmen den Menschen ein Auskommen zu ermöglichen (ein Recht auf Arbeit nicht im Sinn einer Verpflichtung des Staates, jedem einen Arbeitsplatz zu garantieren) gibt es die Freiheit des Unternehmers, eine Freiheit, die es bis jetzt nirgends in einer Verfassung gibt und bei dem man davon ausgehen muss, dass es die rein auf Profit ausgerichteten Multis schützen soll. Statt einem Recht auf Eigentum, das den einzelnen vor dem Zugriff des Staates schützen könnte, gibt es nur noch die Achtung des Eigentums, was ein grosser Unterschied ist.

Neben der Grundrechtscharta haben die Minister auch eine Sozialcharta verabschiedet. Dort wird erklärt, dass die gemeinsamen Werte der EU der soziale Zusammenhalt, die Ablehnung von Ausgrenzung und Diskriminierung und die Gleichstellung von Mann und Frau seien. Das klingt gut, erinnert aber eher an die sowjetische Ideologie. Es fehlt die Freiheit, die Rechtsstaatlichkeit, die Demokratie, die Sozialpflichtigkeit, die Menschenrechte.

In der Sozialcharta verpflichtet sich die EU darauf, die Menschen für die Mobilität zurechtzubiegen. Die Minister erklären ausdrücklich, dass durch die weitere Integration ganze Industrien und Dienstleistungen zerstört werden. Die Menschen sollen sich ihrer Bindungen an Familie, Verein, Gemeinde, Nation entledigen und dazu umerzogen werden, sich gemäss den Anforderungen der Grossfinanz hin- und herschieben zu lassen und diese Wurzellosigkeit positiv anzusehen.

In der Sozialcharta wird auch erklärt, dass die Frauen in die Lohnarbeit getrieben werden sollen. Dazu gehört der weitere Ausbau der Kinderkrippen. Damit könne das Problem der Altersversorgung gelöst werden.

Gleichzeitig soll das Internet überall verbreitet werden, das sogenannte e-Europa, weil darüber die Globalisierer einen besseren Einfluss auf die Menschen haben.

Aufhebung des Einstimmigkeitsprinzips

In Zukunft wird das einzelne Land nur noch in wenigen Bereichen ein Veto einlegen können, weil das Mehrheitsprinzip in fast allen Bereichen statt dem Einstimmigkeitsprinzip eingeführt worden ist. Das bedeutet, dass die gewählten Vertreter eines Landes nicht mehr die Interessen des Landes durchsetzen können und Entscheidungen akzeptieren müssen, zum Beispiel in der Landwirtschaft, die den eigenen Bürgern schaden können. Man schafft sich einen Sachzwang – zu viele Staaten können sich nicht mehr auf einen Nenner einigen – und schliesst damit die einzige Möglichkeit der Bürger, ihre Interessen einzubringen, aus.

Ausschaltung der demokratisch legitimierten Vertretung der Bürger

Die grossen Länder haben gegenüber den kleinen Ländern ihren Einfluss ausgebaut. Bisher zählte der Minister eines grossen Landes im Ministerrat 5 mal mehr als der eines kleinen Landes, in Zukunft zählt er 10 mal mehr, Deutschland zum Beispiel 29, Luxemburg 3. Dass ein Mensch mehrere Stimmen haben kann gibt es bisher nur in Aktiengesellschaften, in demokratischen Institutionen hat jeder Mensch immer nur eine Stimme.

Wenn in Zukunft einige Länder verhindern wollen, dass die EU weitere Lebensbereiche regelt, so können einfach 8 Länder dieses Anliegen unterlaufen und damit anfangen und die anderen müssen wohl oder übel mit der Zeit folgen. Die EU-Elite nennt das eine Avantgarde, ganz im Stil der leninistischen Idee. Die EU hat sich damit einen Weg geschaffen, die gesamte Eigenständigkeit der einzelnen Völker an sich zu reissen. Laut deutschem Bundeskanzler Schröder und dem französischen Präsidenten Chirac war das der bedeutendste Fortschritt in Nizza.

„Werte“ als Mittel zur Aufhebung des Selbstbestimmungsrechtes der Völker in der EU

Mit dem Vertrag von Nizza wird auch der Druck auf das einzelne Land Richtung Wohlverhalten weiter ausgebaut: Wenn sich ein Land nach Ansicht von einem kleinen Teil des Parlaments, einem kleinen Teil der Kommission oder einem Teil des Ministerrates nicht richtig verhält, also zum Beispiel die falsche Regierung wählt wie in Österreich, dann muss es sich in Zukunft gefallen lassen, dass die anderen Länder wie in Österreich irgendwelche 3 Personen bestimmen, die dieses Land daraufhin durchleuchten, ob es eine Gefahr für die „Werte“ der EU darstellt. Dass die Gefahr eines Problems bereits geahndet wird, zeigt, dass sich die EU ausserhalb jeder Rechtsstaatlichkeit stellt, weil selbst im Strafrecht nur effektive Taten bestraft werden dürfen - und dann nur von Richtern, die auf das Recht verpflichtet sind. Dieses angeklagte Land muss sich eine Durchsuchung gefallen lassen und muss dann vorgeschriebene Massnahmen durchführen. Falls es das nicht tut, werden wie gegenüber Österreich Sanktionen ausgesprochen. Auch damit wird das Selbstbestimmungsrecht der einzelnen Nationen massiv eingeschränkt.

Ausbau der Bürokratie als Mittel der Herrschaft

In Nizza haben die Regierungschefs auch beschlossen, dass die mitteleuropäischenr Länder vor allem ihre Bürokratie ausbauen müssen, damit sie die ganzen Anforderungen der EU erfüllen können, und die Bevölkerung besser unter Kontrolle halten können. Vor allem müssen Unruhen der Bevölkerung eingedämmt werden können. So erklärte der Sprecher der deutschen SPD, Gernot Erler, zum Beispiel im Fernsehen ORF am 15.03 2000, dass die Polen schon vier mal die Regierung abgewählt hätten, weil so viele Polen wegen der Umgestaltung von Polen für die EU ihre Arbeit verloren hätten. Trotzdem hätten die polnischen Regierungen immer wieder den Forderungen der EU gefolgt. Deshalb müsse man die polnische Nomenklatura unterstützen. Dazu gehöre der Zwang auf Österreich, die östlichen Länder über seine traditionellen Beziehungen zu diesen Ländern einzugliedern helfen.

Völkerrechtswidrige Angriffskriege der EU in der ganzen Welt spätestens ab 2003

In Nizza beschlossen die Staatschefs hinter verschlossenen Türen, so rasch wie möglich Truppen aufzustellen, die zur „Krisenbewältigung“ und für „friedensschaffende Massnahmen“ eingesetzt werden. Es wurden dort bereits jedem Land eine bestimmte Anzahl von Truppen zugewiesen. Das sogenannte Krisenmanagement bedeutet gemäss EU-Papieren, die in Nizza gutgeheissen wurden, dass die EU überall auf der Welt oder innerhalb der EU eingreifen kann, wenn die eigenen Interessen, Rohstoffe, die Weltwirtschaft gefährdet werden könnten -militärisch oder mit anderen Mitteln. Insbesondere wird auf den westlichen Balkan verwiesen, auf den Kaukasus, auf den Nahen Osten und auf Afrika. Die EU erklärt sich unter dem Titel der Krisenintervention dazu berechtigt, überall Angriffskriege zu führen, die subtil sein können, aber auch brachial. Das bedeutet, dass die alten Kolonialmächte unter dem Dach der EU die Übereinkunft aus dem Völkerrecht aufkündigen, dass kein Land mehr Angriffskriege ausführt, sondern nur noch sich selbst verteidigt. Damit gefährdet die EU den Völkerfriede. In der ganzen EU werden dazu die Wehrpflichtarmeen in Berufsarmeen umgewandelt. Berufsarmeen fordert neben der EU auch die NATO. Bürger eines Landes lassen sich eben nicht so einfach dazu verpflichten, das Leben, Hab und Gut andere Menschen zu bedrohen, die ihnen nichts getan haben und die sie selbst nicht bedrohen.

Insbesondere die deutschen Offizieren haben in diesem Jahr angefangen, in deutschen Zeitungen ganz offen davon zu reden, dass sie jetzt mit Kriseninterventionskräften von bald 150 000 Mann in der ganzen Welt Überfälle durchführen werden. Dazu gehören der Chef des Heers Helmut Willmann (in der Frankfruter Allgemeinen Zeitung vom 5.1.01, der ehemalige Planungsstabschef Deutschlands Ulrich Weisser in der Welt am Sonntag vom 4. Februar.) Weisser nennt die Angriffskriege Export von Sicherheit. Die EU und insbesondere die Deutschen üben bereits seit einigen Jahren die Eroberung grosser Gebiete. Grosse Transporthubschrauber NH 90, Langstreckenflugzeuge, Airbus 400 M, europäische Standartraketen, Marschflugkörper SCALP sollen die europäische Armee spätestens 2003 einsatzbereit machen. Es wird sogar davon gesprochen, in den eroberten Ländern für lange Zeit die „Verantwortung zu übernehmen wie in Bosnien“.Das heisst nichts anderes, als überall Protektorate aufzubauen, in denen man Marionetten einsetzt, die dort regieren. Und zwar so lange, bis die EU findet, die „Menschenrechte“ seien durchgesetzt. Wo bleibt dabei das Recht auf Selbstbestimmung, Menschenrechte wie Meinungsfreiheit, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit? 100 Kriegsschiffe und 400 Kampfflugzeuge wurden für die geplanten Eroberungen in Nizza von verschiedenen Ländern bereitgestellt. An der Technischen Universität Zürich hat am 7. und 8. Februar eine Zusammenkunft von Militärs der EU und der NATO stattgefunden. Sie erklärten dort, dass jetzt nicht mehr diskutiert werde, welche Truppen es für diese Angriffskriege braucht, sondern dass sie jetzt aufgebaut würden.

In Nizza wurden dafür bereits Grundlagen geschaffen, damit die EU rasch Krieg führen kann. Eine neue Kommission (für Politik und Sicherheit) wurde geschaffen, die für die zukünftigen Einsätze die Koordination, die Beurteilung der Lage, die politische Kontrolle und die strategische Leitung vornehmen wird und von den Ministern für die Koordination und der eigenständigen Durchführen der Kriege befugt werden kann. Krieg nennt sich dann Krisenbewältigungsoperation“ Ein Militärausschuss und ein Militärstab wurden bereits gebildet. Zur leichteren Abwicklung des Krieges wurden bereits im Juli letzten Jahres beschlossen, dass verschiedenste Beschlüsse der EU zur Aussenpolitik geheimgehalten werden (Vgl. Zeit-Fragen, 29. Januar S. 4)

Die EU führt also nicht zum Frieden in der Welt , im Gegenteil. Wie immer wenn die Herrschenden das Wort Frieden dauernd im Mund führen muss man aufpassen. Die EU plant den Krieg.

Kein Mitglied der EU kann sich von dieser Kriegspolitik ausnehmen. Jedes Mitglied der EU muss nämlich laut Art. 11 „die Aussen- und Sicherheitspolitik aktiv und vorbehaltlos im Geist der Loyalität und der gegenseitigen Solidarität unterstützen“ Man erinnert sich mit Grausen an den Warschauer Pakt, der die Satelliten zur Teilnahme an Unterdrückung zwang.

Meine Damen und Herren

Sie sehen, die EU redet von Menschenrechten, von Freiheit, von Demokratie und von Frieden. Die EU ist in allen Strukturen undemokratisch und denkt nicht daran, dies zu ändern. Der Gipfel von Nizza hat das Gesicht der neuen Herrscher so offen wie noch nie gezeigt. Mit allergrössten Schnelligkeit sollen die mitteleuropäischen Länder in dieses Machtkoloss nach bolschewistischem Vorbild gelockt oder gezwungen werden. Die EU bietet dem globalisierten Kapital Unterschlupf und will die Menschen auf deren Anforderungen einstimmen. Die Eu ist Teil der von der globalisierten Welt erwarteten Neuaufteilung der Welt in grosse Blöcke. Die EU zerstört das Völkerrecht, sie hält nichts von der Selbstbestimmung der Menschen oder der Völker. Sie plant offen unter der Führung von Deutschland und Frankreich von Europa aus Weltmacht zu spielen. Noch ist unklar ob dies im Rahmen der NATO zusammen und unter der Herrschaft der USA oder ohne diese geschieht. Ein solches Gebilde gehört zur Kultur des Todes und nicht zur Kultur des Lebens.

Wer sich für Freiheit , Demokratie, Menschenrechte, für die europäischen, christlichen oder aufgeklärten Werte einsetzen will, kann die EU nicht unterstützen

Alternativen zur EU-Diktatur

Meine Damen und Herren

Gerne möchte ich anregen, genau zu überlegen, wie in allen Ländern Europas die Bürger zu ihren Rechten kommen. In allen Ländern können die Bürger die Möglichkeiten der Selbstbestimmung, der direkten Demokratie für sich einfordern, wie sie die Schweizer Bürger haben. So kann man den Machtgelüsten einzelner am besten entgegenwirken. Österreich wurde 1994 mit der Behauptung in die EU getrieben, die Neutralität bleibe erhalten, die Selbstbestimmung, die ökologischen Errungenschaften, der Schilling und die Einflussnahme durch das Einstimmigkeitsprinzips. Zwei Tage vor der Abstimmung wurde durch ein gefälschtes Bild den Katholiken noch weisgemacht, dass die Bischöfe und der Papst für den Beitritt seien. Tatsächlich war alles Lüge. Anfang Dezember haben deshalb innerhalb von 1 Woche 200 000 Österreicher unterschrieben, dass sie noch einmal abstimmen wollen. 500 000 Schweden haben im letzten Jahr ebenfalls dafür unterschrieben, die Dänen haben gegen die Einführung des Euro gestimmt. Überall in Europa beginnen sich die Menschen gegen die Überstülpung des EU-Kolosses zu wehren, von allen Parteien, von allen Vorstellungen.

Sinnvoll ist stattdessen, dass die Entscheidungen so oft wie möglich in den Gemeinden getroffen werden, wir brauchen die Selbstbestimmung in den Gemeinden, dann sollte möglichst vieles auf regionaler Ebene beschlossen werden. Denn demokratisch kontrollieren kann man vor allem auf einer Ebene, die überblickbar ist, die durch den einzelnen Bürger ohne die Medien zu kontrollieren ist. Die Bürger sollten über die wichtigen Gesetze in den Gemeinden, auf Regionalebene, in den Ländern selbst abstimmen können. Es wäre auch wichtig, dass sie die Möglichkeit haben, Gesetze selbst einzufordern durch Volksinitiativen. Diese Vorstellung entspricht auch der katholischen Lehr von der Subsidiarität. Auch Immanuel Kant hat in seiner Abhandlung „Vom ewigen Frieden“ darauf hingewiesen, dass Republiken kleine sein müssen, von den Bürgern zu kontrollieren und dadurch auch friedensstiftend sind.

Die Zusammenarbeit auf europäischer Ebene sollte nicht in einem politischen Zusammenschluss stattfinden, sondern durch freiwillige Zusammenarbeit in bestimmten Sachgebieten. Die EFTA, die gleichzeitig mit der EU 1959 gegründet worden ist, kann die notwendigen wirtschaftlichen Übereinkünfte treffen ohne die politische Unabhängigkeit zu berühren. Die EU als Despotie kann keinen Frieden schaffen. Der Militarisierung der EU dürfen wir nicht zusehen. Die Bürger selbst in allen Ländern haben die moralische Pflicht, die geplanten Kriege und den Aufbau einer neuen Sowjetzone unter dem Schutz des grossen Finanzkapitals zu verhindern. In Europa wollen die Menschen nirgends Krieg. Wir haben viel Besseres zu bieten. Die Planungen einer kleinen Minderheit können nicht durchgeführt werden, wenn die Menschen für ihre eigenen Rechte einsetzen.

Das irische Volk stimmt gegen die Nizza-Verträge

Die EU missachtet die Bürger  Von Diethelm Raff 10.6.2001

Die Bürger Irlands stimmten am 7. Juni 2001 mit 55 Prozent gegen die Nizza-Verträge. Das war ein Schock für die politische Kaste in der zentralistischen EU, die mit allen Mitteln der psychologischen Kriegsführung die Iren zur Zustimmung führen wollte. Was in einer Demokratie selbstverständlich sein sollte, dass nämlich die Bürger über den Verlust von Souveränität zumindest abstimmen können müssen, ist in der EU von 15 Staaten nur in Irland selbstverständlich. Und das nur, weil ein einzelner Bürger vor einigen Jahren mit seinem gesamten Vermögen und einem jahrelangen Einsatz erstritten hat, dass die Iren neuen Verträgen obligatorisch zustimmen müssen. 

Offensichtlich aus diesem Grund erhielt Irland besonders grosse Unterstützung. In der EU dachte man, dass die Iren mit Geld um ihre Freiheit und ihre Eigenheiten zu bringen wären. Unter anderem wurden High-Tech-Unternehmen dann besonders gefördert, wenn sie in Irland vorübergehend ihr europäisches Zentrum einrichteten. Wollte man in der EU Fördermittel für Forschung erhalten, musste man häufig nicht nur ein Forschungszentrum in Israel miteinbeziehen, sondern auch eines in Irland. Straßen in Irland, die unter anderem mit den Steuergeldern der Bürger in Europa gebaut worden sind, werden seit Jahren mit Schildern bestückt, auf denen die EU-Bürokraten diesen Verdienst für sich in Anspruch nehmen. Genauso wie im Sowjetimperium versuchen die Herrscher eine künstliche Legitimität der despotischen EU herzustellen. Diese Strategie klappte nur ansatzweise im Süden Dublins, wo der von EU-Geldern lebende neue Geldadel wohnt. Dort liegen die einzigen 2 Wahlbezirke, die den Nizza-Verträgen mit 52 %t zugestimmt haben. 

Anstatt die Nizza-Verträge mit der Bevölkerung zu diskutieren, verlegten sich die spin doctors der EU darauf, die Iren übertölpeln zu wollen und setzten eine Abstimmung innerhalb eines Zeitraumes von drei Wochen an. Die Verträge müssen aber erst im Lauf des Jahres 2002 verabschiedet werden. Die Strategen wollten sich eine zweite Abstimmung vorbehalten, wie sie es schon 1992 mit dem Maastricht Vertrag in Dänemark gehandhabt hatten. Der Direktor für Wahlen von Fine Gaels, Jim O'Keeffe, erklärte das strategische Vorgehen, dass sie das nächste Mal eine Positivkampagne zielgruppenspezifisch durchführen werden: "Wir haben zu sehr auf die Medien gesetzt. Wir müssen eine Kampagne an der Basis führen, mit der wir die Vorzüge und finanziellen Vorteile der Nizza-Verträge kommunizieren". Weder in Irland noch anderswo denkt auch nur ein einziger dieser "Führer" daran, offen und ehrlich die Auswirkungen der EU auf Freiheit, Demokratie, Rechtsstaat und friedliches Zusammenleben der Völker zu diskutieren. 

Genauso wie in allen anderen Ländern der EU sind die Führer der drei großen Parteien Irlands dafür präpariert worden, ihre Bürger in die EU einzubinden, ganz unabhängig von ihren politischen Parolen. So behaupteten sie, es ginge beim Nizza-Vertrag um die Osterweiterung und verschwiegen wieder einmal, dass mit jedem neuen Vertrag der EU die Selbstbestimmung der Völker und damit die demokratischen Möglichkeiten abnehmen. Wie in Österreich 1995 hat man im katholischen Irland vier Tage vor der Abstimmung einige Bischöfe dafür genutzt, die Bevölkerung mit Regierungsargumenten auf ein Ja zu trimmen. Zwei mutige Bischöfe reagierten allerdings sehr schnell auf dieses politische Manöver und erklärten öffentlich aus theologischer Sicht, dass zum Beispiel die in Nizza verabschiedeten Vorarbeiten für eine europäische Verfassung die Familie als unabhängige, für die Erziehung der Menschen zur Menschlichkeit so wichtige Einheit, stark geschwächt würde. 

Die Bevölkerung versuchte man mit der Parole von der Solidarität mit den armen Völkern Osteuropas dazu zu verführen, die letzte verbliebene Möglichkeit zur Erhaltung eigener Souveränität abzuschaffen, nämlich die Vetomöglichkeit in 35 weiteren wichtigen Politikbereichen. Mit der Möglichkeit der "verstärkten Zusammenarbeit" ohne Zustimmung durch alle Länder hätten einige Länder den Fortgang der EU alleine bestimmen können und die restlichen Länder hätten nachziehen müssen. Anstatt zu einem Verbund gleichberechtigter Staaten hinzuarbeiten, in dem die kleinen Länder dieselben Rechte haben wie die großen, ist der Vertrag von Nizza darauf ausgerichtet, den großen Staaten wie Deutschland und Frankreich mehr Einfluss zu geben. Das hat die Bevölkerung Irlands nicht akzeptiert, umso weniger, je mehr sie echte Informationen erhalten hat, was selbst die Neue Zürcher Zeitung vom 6. Juni feststellen musste. Sie wollten der EU "keine totale Kontrolle über ihr Leben geben." 

Im Weiteren stellten sich die Bürger Irlands gegen die Politik der EU/NATO, mit Angriffskriegen in der ganzen Welt zu drohen. Irland hat die Unterdrückung durch England zu gut in Erinnerung unter anderem daran, dass England während der grossen Hungersnot 1846 Nahrungsmittel aus Irland abtransportierte, während von den damaligen acht Millionen Einwohner Irlands mindestens zwei Millionen an Hunger und Entkräftung gestorben sind. Die Iren wehrten sich gegen die Großmachtpolitik der alten Kolonialvölker. 

Wie wenig ernst man die Bürger in der EU nimmt, zeigt sich daran, dass die Herrschenden die Bürger mit einer anderen Meinung wie in der ehemaligen Sowjetunion pathologisieren. So erklärte der Außenminister, Herr Ahern, am gleichen Abend seiner verheerenden Niederlage, dass die Bürger eben grundlegende Ängste und Befürchtungen hätten, die man ihnen nehmen müsse. Tatsächlich aber wollen die Bürger einzig ihre Freiheit erhalten und sich nicht an den geplanten Kriegen in fremden Ländern beteiligen. 

Wie wenig die Medienvertreter an der Selbstbestimmung der Bürger interessiert sind, zeigen ihre Kommentare zur Abstimmung: Im "Bericht aus Bonn" im ARD wurde zu dieser zweiten schweren Niederlage der EU-Fürsten nach der Ablehnung des Euro durch die Dänen im letzten Jahr einzig berichtet, die EU suche nun nach einem Weg, doch noch die Zustimmung der Iren zu erreichen. Günter Schmid im ORF 2 erklärte in höchster Arroganz gegenüber dem Bürger: "Man kann nicht erwarten, dass die Bürger wissen, um was es geht, wenn sie an die Urnen gehen. Man muss es ihnen besser erklären." Solche Kommentare hat es in den letzten zehn Jahren nie gegeben, wenn die Bürger der EU aufgrund falscher Versprechungen zugestimmt haben. Zum Beispiel in Österreich, wo man den Österreichern wider besseren Wissens versprochen hat, sie könnten ihre Neutralität, den Schilling, ihre Landwirtschaft, ihren Zugriff auf die Alpenübergänge und ihr Wasser sowie ihre Selbstbestimmung in der Politik behalten. 

Die Herrscher scheitern auch an ihrem falschen Menschenbild. Sie können den Bürgern nicht einfach ihre Freiheit und Rechte nehmen, die sich ihre Vorfahren erkämpft haben. Wenn viele einzelne darum Sorge tragen, die Fakten offen zu diskutieren, dann sind diesen Großmachtallüren der EU/NATO schnell verschwunden. Die Bürger gehen nicht mehr zur Urne, weil sie genug haben von der ewigen Manipulation durch die Politiker. Sie wollen und müssen als Staatsbürger, die jede demokratische Gesellschaft tragen, betrachtet werden.